Die Tiroler und ihre Individualisten- Architekturschneiderei

29. März 2002, 22:04
1 Posting

Eine Bestandsaufnahme

Die Architekturwirklichkeit in Tirol zieht dem Land die Lederhose runter und zeitgenössisches Architekturzeug an.


Das schöne Land Tirol war in den vergangenen Jahrzehnten von eher grauslich-synthetischen Touristenbauten geprägt. Irgendwie konnte man sich angesichts der Wälder von balkonverzierten Hotelburgen des Gefühls nicht erwehren, hier würde eine Anbiederung an den Gast stattfinden, die fast schon genant war. Doch die Szene ändert sich, und sie ändert sich dank einiger vorzüglicher Architekturberggeister rasch.

Der Berg und seine oft missverstandene Kultur verliert seinen Architekturschrecken, er wird kleiner und das Land weiter, und es entstehen auch international viel beachtete zeitgenössische Häuser, die Tirol zunehmend ein anderes, selbstbewussteres Gesicht geben.

Christian Kühn, Vorsitzender der Architekturstiftung Österreich, bereiste unlängst Tirol und diskutierte wieder einmal die Architekturwirklichkeit des Landes. Mit dabei waren Klaus Juen, Leiter der Dorferneuerung, Peter Jungmann, Architekt, Klaus Lugger, Geschäftsführer Neue Heimat Tirol, Johann Obermoser, Architekt, Georg Pendl, Vorsitzender der Architektenkammer für Tirol und Vorarlberg, Wolfgang Pöschl, Architekt, Arno Ritter, Leiter des Architekturforums Tirol, Hanno Schlögl, Architekt, Erika Schmeissner-Schmid, Architektin, sowie Johannes Wiesflecker, Vorsitzender des Architekturforums Tirol.

Eine gemeinsame Tiroler Schule, so Pöschl, sehe er nicht, sehr wohl aber eine "extreme Verschiedenheit der Positionen. Wir stehen an dem Punkt, wo man anhand von Bauten ernsthaft diskutieren kann, worin sich die verschiedenen Standpunkte unterscheiden. Und da bemängle ich, dass wir keine Sprache haben, um uns über Architektur zu unterhalten." Genau diese vermehrte Diskussion um Gebautes, meinte Jungmann, sei aber für die höhere Qualität jüngerer Architekturen verantwortlich. Und Wiseflecker meinte: "Im Unterschied zur Grazer Schule, die ja stark von der Politik getragen wurde, ist die Situation in Tirol eher einem Netzwerk vergleichbar, das vor allem aus Privatinitiative entstanden ist." Vor allem die großen Wohnbauträger des Landes müssten jetzt nachziehen und dieses Netzwerk quasi auf offizielle Schiene stellen.

Irgendwie, meinte Schmeissner-Schmid, geschehe das auch, denn "seit die Dichte an guten Projekten zugenommen hat, sind auch die politisch Verantwortlichen sensibler für Baukultur geworden". Auch Ritter bestätigt, dass die "kritische Masse an Qualität" nicht mehr zu übersehen sei und auch noch in den entlegensten Bergorten wahrgenommen würde. Schlögl wollte als "Ältester in der Runde" auf eine herausragende Figur der Szene verweisen, nämlich auf den verstorbenen Josef Lackner. Pöschl: "Es gibt keinen Architekten in Tirol, der nicht irgendwann mit Lackner schon stundenlang innere Monologe geführt hätte. Er ist einem im Genick gesessen, ob man das wahrhaben wollte oder nicht." Die Lehre der Architektur und kraftvolle vermittelnde Persönlichkeiten waren stets die wichtigsten Antriebsquellen für gute Baukultur, deswegen wurde auch die lebendige Architekturfakultät in Innsbruck von den Diskussionsteilnehmern lobend hervorgehoben, allen voran der Architekturlehrer Volker Giencke. Pöschl über die Studenten: "Im Unterschied zu uns haben diese Jungen mehr Substanz im Architektonischen."

Für Obermoser ist "die gegenseitige positive Wahrnehmung und die gegenseitige Förderung" der Architekten untereinander eine weitere wichtige Triebfeder und zugleich wichtiges "Marketinginstrument". Pendl verwies auf Partnerschaften, die eingegangen würden, Obermoser bestätigte den Trend. Trotzdem waren gute Projekte der Vergangenheit stets von heftigen Widerständen begleitet. Dass sich die Tiroler Architekten zumeist durchsetzen konnten, bestätigt ihre kernig-klare Herangehensweise, manchen bürgermeisterlichen Querelen zum Trotz. Geholfen hat dabei natürlich eine gesunde Öffentlichkeitsarbeit, wie sie etwa das Architekturforum Tirol betreibt.

Vor allem im Wohnbau, so Schmeissner-Schmid, sollten verstärkt "Experimentierfelder" geöffnet werden, denn "dass die Wohnbauträger nicht wissen, wer ihre Kunden sind, wird sich nicht ändern, aber deshalb kann man doch die gesellschaftliche Entwicklung nicht ignorieren". Lugger als Bauträgervertreter widersprach: "Wir experimentieren in Tirol so viel wie nie zuvor." Wiesflecker: "In Wirklichkeit gibt es unheimlich viel Fadesse." Gemeint ist der Wohnbau, während Unternehmensarchitektur zum Teil, wie im Fall der Supermarktkette M-Preis, allgemein als vorzüglich eingestuft wurde.

Ein enormes Problem in Tirol ist sicher der Umgang mit dem ohnehin spärlich vorhandenen Land. Obermoser: "Die raumordnenden Kräfte sind der Tourismus und das Auto. Die überörtliche Raumplanung dagegen konnte sich nie durchsetzen." Für Pöschl wird der Tourismus "individuell" und von großer Bedeutung für die Tiroler Identität bleiben. Doch Ritter sieht auch jede Menge Architektur-Innovationskraft in der Industrie: "Wenn ein Betrieb wie die Firma Kapferer leichter Arbeitskräfte bekommt, weil diese gerne in seiner neuen Halle arbeiten, dann hat das natürlich gewisse Konsequenzen."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.3. / 1.4. 2002)

Von
Ute Woltron Dieses Gespräch ist in voller Länge im aktuellen "Architektur & Bau Forum" nachzulesen.

Share if you care.