"Saisonier-Schleusen können aufgehen"

29. März 2002, 21:58
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Entgegen der Garantieerklärung der Regierung scheinen in Österreich auch in Zukunft viel mehr als 8000 Billigarbeiter jobben zu dürfen

Wien - Rudolf Kaske, Chef der Tourismusgewerkschaft, kann es selbst kaum glauben, was neue Recherchen jetzt in den Bundesländern ergeben haben. Waren Arbeitnehmervertreter bisher davon ausgegangen, dass im Vorjahr offiziell 31.000 Arbeitsbewilligungen an Saisonkräfte im Tourismus und in der Landwirtschaft vergeben worden waren, zeigt sich jetzt ein noch drastischeres Bild. Tatsächlich seien es rund 51.000 gewesen, so Kaske: "Dies kommt dadurch zustande, dass Plätze im Saisonierkontingent nicht nur an einen, sondern an mehrere ausländische Arbeitskräfte vergeben werden können."

Die ständige Beschwörung der Regierungsvertreter, dass die Saisonierquote nur 8000 betragen werde, täusche also noch stärker als bisher vermutet über tatsächliche Verhältnisse hinweg. Die Regierung "trickst mit Halbwahrheiten herum", greift der Gewerkschafter Garantiebeteuerungen von Peter Westenthaler (FP) und Andreas Khol (VP) an. Das dokumentiere sich schon damit, dass die Tourismusbetriebe allein in einer einzigen Wintersaison (2001/ 02) 8780 Saisonkräfte zugeschlagen bekamen. Möglich war dies durch drei Kontingentverordnungen von Minister Martin Bartenstein.

Neue Hintertüren

In den letzten vier Jahren haben Hoteliers und Bauern Geschmack an den billigen Saisoniers gefunden: Deren Kontingent war 1998 mit 9570 Jobs bestückt. Von 2000 auf 2001 erfuhr es mit offiziellen 31.000 ein geschmalzenes Plus von 151 Prozent.

Nun sollen alle Branchen mit Saisoniers beglückt werden. Neben diesem Pool darf sich die Wirtschaft aber auch über neue Erleichterungen beim Zugriff aus ausländische Arbeitskräfte freuen. So soll etwa die bisherige "Joint-Venture-Verordnung" gemildert werden. Demnach durften österreichische Firmen, die mit einem ausländischen Betrieb kooperieren, bisher deren Arbeiter vier Monate lang ohne Beschäftigungsbewilligung in Österreich jobben lassen. Mit Blick auf die hohen Arbeitslosenzahlen der Branche war der Bau davon ausgenommen. Künftig, so Sozialexperten, "soll diese Einschränkung fallen". Außerdem dürfen die ausländischen Arbeitskräfte künftig ein halbes Jahr lang ohne entsprechende Bewilligung jobben. Zudem ist eine Ausweitung der Zulassung von Tages- auf Wochenpendler - die keiner Quotenregelung unterliegen - geplant.

Aufgestockt wird außerdem das bilaterale Abkommen zwischen Österreich und Ungarn, bei dem heuer über 2000 Grenzgänger (im Burgenland) und Praktikanten, Letztere für ein Taschengeld und bis zu eineinhalb Jahren in ganz Österreich, bei heimischen Firmen arbeiten können. Arbeitsmarktexperten schätzen dies als "äußerst großzügiges Potentzial ein". (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Printausgabe 30.30.2002)

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