Gesamtkunstwerk mit Mascara

29. März 2002, 21:55
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Wie Modeschauen inszeniert werden - und welche Rolle dabei dem Makeup zukommt

Eine Modeschau ist weit mehr als ein Event, bei dem man sich Mode anschaut. Es ist eine Inszenierung, in der neben den Kleidern manchmal auch die Musik oder die Location die Hauptrolle spielt - oder das Make-up.


Im Idealfall sind große Modedesigner auch großartige Showtalente. Sie wissen, wie man der einerseits vollkommen übersättigten und auf der anderen Seite doch fortwährend nach Sensationen hungernden Fashioncrowd, bestehend aus den "wichtigen" JournalistInnen und noch wichtigeren ChefeinkäuferInnen, im Halbjahresrhythmus Höhepunkte in Form von Laufstegshows in New York, London, Mailand und Paris beschert. Je heftiger und, aus welchen Gründen auch immer, aufsehenerregender diese Performances ausfallen, umso mehr Fotos und Berichte gibt es davon in den Medien - und umso besser ist es für den Designer und das dahinter stehende Modeunternehmen.

In der Branche gibt es eine Hand voll derart begnadeter Showmen. Einer davon ist Tom Ford, Kreativdirektor der Gucci-Gruppe und Chefdesigner für die Labels Gucci und Yves Saint Laurent.

Modemanöver

Seine Catwalkshows sind mit Akribie bis ins kleinste Detail geplante und mit beinahe militärischer Strenge ablaufende Modemanöver, vom stundenlangen Wartenlassen der Massen vor dem gestrengen Türlsteher über die heiß erwartete Parade der Models auf dem Laufsteg bis zum flotten Räumen der Location nach dem Event. Über allem schwebt als eine Art Generalkoordinator und Über-Regisseur der Designer aus Texas, der am Beispiel der italienischen Modemarke Gucci den Europäern vorexerzierte, wie man eine verstaubte Marke frisch aufpoliert und dabei gleich auch zu einer "global brand" macht.

In Mailand, wo im vergangenen März die Vorschau auf die Wintermode 2002/03 zu sehen war, schickte Tom Ford seine Gucci-Models mit bleichem Teint und dick schwarz umrandeten Augen auf den Laufsteg. Diese Variante des Postpunk-Look, der im Grunde auch schon wieder so etwas wie ein Klassiker ist, zeigte sich denn auch bei den Pret-à-porter-Schauen in Paris gar nicht selten und war im Speziellen bei Modedesignern belgischer oder japanischer Provenienz anzutreffen. So ließ Naoki Takizawa, Chefdesigner von Issey Miyake, die Make-up-Artisten backstage tief ins Schwarze greifen und den Models düstere Augenschatten aufmalen.

Der aller Wahrscheinlichkeit nach talentierteste Inszenierer unter den Modeschöpfern ist - noch immer - Alexander McQueen. Der 33-jährige Brite, der bis zum Vorjahr unter nicht wirklich glücklichen Vorzeichen für das noble französische Couture-Haus Givenchy entwarf, widmet sich nun unter dem Dach der Gucci-Gruppe ausschließlich seinem eigenen Label. Seine aufregende Designsprache basiert auf einem anarchisch-avantgardistischen Modeverständnis, zu dem sich überbordende Fantasie, exzellente Schnittführung und ein ordentlicher Schuss grundsolider Londoner Maßschneiderei à la Savile Row gesellen.

Liebe zur Provokation

Darüber hinaus aber ist McQueen - so darf angenommen werden - ein Provokateur aus Leidenschaft, dem man aber auch noch die irrwitzigsten Einfälle verzeihen muss, weil er sie in überwältigende Bühnenbilder bettet. In Paris wurde Alexander McQueen seinem Ruf wieder einmal gerecht: Er ließ zum Beispiel seine Models mit Wölfen an der Leine über den Catwalk spazieren und verpasste ihnen ein maskenhaftes Make-up, wie sie die Comix-Rocker von "Kiss" trugen.

An der bunten Front hingegen kämpfte John Galliano, der Brite in Paris, sowohl für sein eigenes Label als auch für Christian Dior. Zu seiner wilden Mischung von Ethno-Elementen aus den unterschiedlichsten Weltgegenden schmückte er seine Vorzeigefrauen mit Gesichtsbemalungen in allen Farben, ließ ihnen Federn rund ums Auge kleben oder sie mit weißem Geisha-Teint auftreten. Und für Dior erprobte er die interessantesten Einsatzmöglichkeiten von grünem Rouge.
(mw/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.3. / 1.4. 2002)

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