Drogenkonzept gegen "Schnee" aus den Anden

29. März 2002, 21:47
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Innenminister Strasser schloss mit den Behörden in Bogotá ein Polizeiabkommen zum Kampf gegen Drogen

Wien - Innenminister Ernst Strasser ist besorgt: "Die Sicherheit der österreichischen Jugend steht in immer engerem Zusammenhang mit dem Kokaanbau in Kolumbien."

Der Ressortchef war kürzlich in drogenpolitischen Belangen in Südamerika unterwegs. Zurück in Österreich präsentiert Strasser dem STANDARD abgeschlossene Polizeiabkommen mit den peruanischen und kolumbianischen Behörden. Eines mit Bolivien soll folgen. Und er stellt auch seine Pläne vor, von Wien aus gegen die Kokainproduktion in Kolumbien anzukämpfen. Dafür braucht er aber Außenministerin Benita Ferrero-Waldner und Teile ihres Budgets. Für Infrastrukturmaßnahmen und Alternativen für die Kokabauern. Wie er da draufgekommen ist?

Durch enge Zusammenarbeit heimischer Kriminalisten mit Kollegen in China, Osteuropa und der Türkei habe man entdeckt, "dass sich die großen Drogenringe, die von Afrika, vor allem Nigeria, Osteuropa, Asien und der Türkei aus den Suchtgiftschmuggel nach Europa organisieren, immer mehr mit den südamerikanischen Drogenkartellen vernetzen". Habe man bisher angenommen, dass das Gros des kolumbianischen Kokains in den USA konsumiert werde, wisse man heute, dass es zunehmend nach Europa, also auch nach Österreich komme.

Auch das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen stellt in seinem jüngsten Drogenbericht fest, dass Kokain wieder in Mode kommt. Was auch Alexander David, Wiens Drogenbeauftragter, bemerkt: Immer öfter sei er mit Menschen aus der sozialen Mittelschicht konfrontiert, die kokainabhängig sind. Das Gramm wird hierzulande um etwa 70 Euro gehandelt, in Kolumbien um sechs. Wurden im Jahr 2000 gut 20 Kilogramm Kokain in Österreich beschlagnahmt, waren es im Vorjahr 108 Kilo.

Kokain, auch "Schnee" genannt, stammt zu fast 100 Prozent aus den Andenländern Bolivien, Peru, Kolumbien. Die Gesamtfläche an Kokaplantagen wird auf 250.000 Hektar geschätzt: ca. 160.000 Hektar in Kolumbien, etwa 40.000 in Bolivien, 50.000 in Peru. Die Kokapflanze erlaubt bis zu vier Ernten pro Jahr mit einem Ertrag von rund 1350 Kilo Kokablättern pro Hektar, aus denen etwa 1,65 Kilo Kokain extrahiert werden. Das verspricht jährlich mindestens 1650 Tonnen Kokain für den Weltmarkt. Strasser hat für kommenden Herbst peruanische und kolumbianische Drogen- und Sicherheitsexperten zu einem Workshop nach Wien eingeladen. "Wir müssen in Zukunft unsere Polizeiaktionen aufeinander abstimmen." Konkret sollen Kooperationsmodelle für Flugsicherheit, Personen- und Gepäckkontrollen, gegen die organisierte Wirtschaftskriminalität und zur Drogenbekämpfung allgemein ausverhandelt werden. Behördliche Vernetzung und Datenaustausch sei der erste Schritt gegen das zunehmende Kokainproblem.

Entwicklungshilfe

"Man muss aber auch Entwicklungskonzepte unterstützen und es ist zu überlegen, dies aus dem österreichischen Budget zu finanzieren." Infrastrukturmaßnahmen und Hilfe für Kokabauern, auf alternative Landwirtschaftszweige umzusteigen. Wie viel Geld dafür ausgegeben werden solle und könne, sei laut Strasser noch zu diskutieren.

Dem US-amerikanischen "Plan Colombia" - aus der Luft erfolgtes Vergiften von Kokaplantagen, wobei auch andere Pflanzungen samt Erdreich und Grundwasser in großem Ausmaß zerstört werden - steht der Innenminister "diplomatisch ausgedrückt: sehr differenziert" gegenüber. Das führe dazu, dass etwa besprühte und somit ruinierte Kartoffelbauern auch auf Koka umsteigen. Und die vernichteten Kokafelder würden sowieso andernorts wieder angelegt.

Finanziere man aber den Kokabauern - die um einen Hungerlohn für die Kartelle arbeiten - den Umstieg auf alternative Pflanzen oder Vieh und baue man ihnen Straßen, über die ihre Produkte an Märkte geliefert werden können, wären viele nicht mehr auf Koka angewiesen, könne die Produktion eingeschränkt werden. Das sei, erklärt Strasser, der wichtigste Schritt gegen das Kokainproblem. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.3./1.4.2002)

Von Andreas Feiertag

Immer mehr kolumbianisches Kokain kommt nach Österreich. Grasser will Kokabauern Alternativen anbieten.

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