Soldaten-Notruf, nicht "nur kurz vor dem Selbstmord"

29. März 2002, 19:06
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502-mal musste die Bundesheer- Beschwerdekommission letztes Jahr einschreiten

Wien - Wenn sich ein Soldat morgens zum Arztbesuch meldet, kann das gravierende Folgen für die Freizeitgestaltung am folgenden Abend und dem folgenden Wochenende haben: In einer Wiener Kaserne ist einem Kompaniekommandanten eingefallen, den "Arztgehern" Ausgangsbeschränkungen aufzuerlegen und sie bevorzugt zum ungeliebten Wochenenddienst ("Samson") einzuteilen.

Ein Anruf unter der Nummer 0810/20 01 25 kann solche Schikanen abstellen. Es ist die Nummer der Parlamentarischen Bundesheer-Beschwerdekommission, in der sich Vertreter von fünf Parteien (das Liberale Forum ist hier auch dabei) um die Nöte der Soldaten annehmen, wenn diese nicht mehr weiter- wissen.

Vorausgesetzt, sie trauen sich überhaupt, dort anzurufen. Kommissionsvorsitzender Harald Ofner hat nämlich in den letzten Jahren eine gewisse Scheu junger Männer festgestellt, auf den ihnen zustehenden Rechten zu beharren: "Da rufen oft Mütter oder gar Freundinnen an, um zu intervenieren."

Allerdings zeigt der Bericht der Kommission auch einen Fall auf, wo ein Kommandant den Rekruten befahl, die Help- line des Ministeriums "nur anzurufen, wenn einer kurz vor dem Selbstmord steht. Ansonsten sei er nicht neugierig, dass ihn zwei Bürohocker besuchen kommen." Einer beschwerte sich doch - und den Offizier kamen mehr als zwei "Bürohocker" besuchen, um ihn auf korrekten Umgang mit den Rekruten hinzuweisen.

Das Gleiche passierte auch jenem Kommandanten, der für die ganze Einheit strafweise Liegestütze anordnete, weil ein Soldat nach dem Scharfschießen nicht alle Patronenhülsen eingesammelt hatte. Ein anderer Kommandant wurde gerügt, weil er im Auslandseinsatz seinem Kraftfahrer befohlen hatte, schneller als erlaubt zu fahren - das nämlich hindere diesen "an der Erfüllung der diesbezüglich gebotenen Dienstpflicht".

Skikurs und Beisltour

Nicht alle Beschwerden sind aber berechtigt: Abgewiesen wurden Kadersoldaten, die wegen undisziplinierten Verhaltens verfrüht von einem Skikurs heimgeschickt wurden - und bis zur Abreise Hausarrest im Ausbildungsheim bekamen. Die Kommission gab dem kommandierenden Offizier Recht, der befürchtet hatte, die Soldaten könnten in ihrem Ärger eine Beisltour unternehmen und in trunkenem Zustand sich und andere gefährden.

Echte Schikanen seien selten geworden, resümiert Ofner - das wäre vor allem ein Verdienst der besseren Ausbildung an der Heeresunteroffiziersakademie. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 29.3./30.3./1.4.2002)

Im Bundesheer sind Schleifermethoden abgekommen. Diese positive Einschätzung stellt der Vorsitzende der Bundesheer-Beschwerdekommission, Harald Ofner, seinem Bericht über das Jahr 2001 voran. Dennoch musste das Gremium 502-mal einschreiten.
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    Soldaten-Skikurs: Hausarrest nach Disziplinlosigkeit ist keine Schikane, wenn er Besäufnis verhindert

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