50.000 Stück bald im Umlauf

29. März 2002, 19:39
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Zweite Auflage des Jesus-Buches schon fix - Vizekanzlerin Riess-Passer kritisiert Kardinal Schönborn

Wien - Der Ueberreuter-Verlag kann zufrieden sein. Die erste Auflage des Buches "Das Leben des Jesus" von Karikaturist Gerhard Haderer hat sich dank der heftigen Kritik der katholischen Kirche bestens verkauft. 50.000 Bücher war laut Verlag die Startauflage. Kommende Woche sollen nun 15.000 Bücher nachgedruckt werden. "Der Absatz ist jetzt reißend. Der Buchhandel lässt sich nicht abschrecken", hieß es dazu aus dem Verlag.

Erstmal meldet sich auch eine Spitzenpolitikerin zu Wort. Vizekanzlerin, FP-Parteiobfrau Susanne Riess-Passer, kritisiert im profil den Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn, der den öffentlichen Streit ausgelöst hat. "Vom Herrn Kardinal hätte ich mir Mut oft an anderer Stelle gewünscht", sagt Riess-Passer. Die Kirche sei heute in einer schwierigen Position, "weil sie einige gesellschaftliche Entwicklungen nicht nachvollzogen hat und deshalb auch vielen Menschen auch keine Antworten mehr geben kann - ich denke etwa an die wiederverheirateten Geschiedenen oder den Umgang mit Homosexuellen."

Auch der Wiener ÖVP-Politiker und ehemalige Kulturstadtrat Peter Marboe schaltete sich in die Diskussion ein. Es sei zwar Schönborns "Pflicht, sich dagegen zu wehren", so Marboe, er befürworte jedoch Straffreiheit (wie bei der Fristenlösung) bei einer Verurteilung nach Paragraf 188 Strafgesetzbuch.

Ganz anders der Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Der sieht in dem Jesus-Buch eine "bösartige Revolte gegen Gott" und befürchtet eine "Verfolgung der Kirche". Für ihn findet derzeit "eine ideologisch begründete Vernachlässigung des Blasphemie-Paragrafen" unter der Richterschaft statt. Tatsächlich wurde in der Vergangenheit in Österreich mehrmals die Freiheit der Kunst zugunsten des Schutzes der Religion vor Verspottung eingeschränkt. In den letzten zehn Jahren gab es rund zehn Verurteilungen wegen "Herabwürdigung religiöser Lehren".

Im Falle des Aufführungsverbotes für Werner Schroeters Theaterverfilmung "Liebeskonzil", das seit 1985 gilt, wurde auch von der Europäischen Kommission für Menschenrechte festgestellt, dass damit gegen das Menschenrecht der Meinungsfreiheit verstoßen wurde. Der Europäische Gerichtshof schloss sich dieser Ansicht jedoch nicht an. Die Vorlage, das Bühnenstück, darf in Österreich legal aufgeführt werden.

Neben dem "Liebeskonzil" gibt es noch einen Film, der wegen Paragraph 188 einem Aufführungsverbot unterliegt: Herbert Achternbuschs "Das Gespenst" von 1982.

Die Theatergruppe Habsburg Recycling wurde in einem sechsjährigen Prozess nach zwei Freisprüchen letztinstanzlich wegen ihres Stücks "Neuevangelisierungstour" zu Geldstrafen verurteilt (insgesamt 24.000 Schilling).

Der Karikaturist Manfred Deix wurde 1994 gemeinsam mit dem damaligen profil-Herausgeber zu je 56.000 Schilling Strafe verurteilt. Grund war ein Cartoon, in dem Deix Jesus Christus als Störenfried, Schürzenjäger und wehleidigen Gekreuzigten darstellte.

Seit kurzem schlägt der Wirbel um Haderers Buch auch internationale Wogen. Der Verlag erhält bereits Protestbriefe aus Kanada, auch die britische Zeitung Daily Telegraph berichtete über die Aufregung.
(pm, bop /DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.3. / 1.4. 2002)

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