Aufwachen in einer besetzten Stadt

29. März 2002, 19:14
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In kurzer Zeit hat die israelische Armee Ramallah besetzt - Die Bürger richten sich auf eine lange Militärherrschaft ein

Die Karfreitagnacht von Ramallah war fürchterlich. "Wir rechneten zwar mit einem neuen israelischen Angriff", sagt die Christin Hanan Shehadeh in ihrem Haus im Zentrum der palästinensischen Autonomiestadt nördlich von Jerusalem, "aber keiner dachte, dass sie an Ostern kommen." Am Freitagmorgen um drei Uhr rückten die israelischen Panzer auf Ramallah vor. Der bewaffnete palästinensische Widerstand war mit den Geschützen und schweren Maschinengewehren der Panzer schnell gebrochen. Bis zum Mittag besetzte die israelische Armee das gesamte Stadtgebiet.

Die Christin Shehadeh wollte am Gründonnerstag eigentlich zu ihrer Familie nach Bethlehem fahren. Aber am israelischen Kontrollpunkt südlich von Ramallah sei sie wieder zurückgeschickt worden", sagt die 29-Jährige. Das Telefon bleibt nun die einzige Informationsquelle, morgens um neun Uhr wurde der Strom abgestellt. Die Bewohner sind deshalb auch ohne Nachrichten aus dem lokalen Fernsehen - anders als bei der ersten israelischen Invasion Mitte März, als Ramallahs Bewohner regelmäßig über die aktuellen Positionen der Panzer und israelischen Scharfschützen informiert wurden.


Letzte Einkäufe

Jetzt bestimmen Panik und Unsicherheit noch mehr als bei der israelischen Besetzung vor zwei Wochen die Situation. "Wir müssen abwarten, wie sich die Situation entwickelt", meint einer der Kunden im nahen Supermarkt, der im Gegensatz zu den anderen noch einigermaßen seine Ruhe bewahren kann. Die Käufer waren noch am Morgen auf dem Weg zum Supermarkt von Hauseingang zu Hauseingang gehastet, wenn gerade keine Militärfahrzeuge zu sehen waren. "Alle rechnen mit einer langen Besatzung. Wir haben nur Lebensmittel für etwa eine Woche, und irgendwann wird auch das Gas zum Kochen aus sein. Ich weiß nicht, was wir dann machen sollen", klagt der Mann.

Schüsse peitschen in der Nähe des Supermarkts. "Warte hier", ruft es aus einem Hauseingang, "hier bist du sicher." Etwa fünfzehn Menschen drängen sich schon hinter der Tür. Als der Schusswechsel für einige Momente aufhört, schauen die Menschen kurz um die Ecke und rennen unter Lebensgefahr nach Hause. Gegenüber dem Supermarkt hat sich eine Gruppe von palästinensischen Milizen in einem Garten verschanzt. Einige von ihnen tragen noch Wundverbände, Folgen der vergangenen Gefechte mit den Israelis. Nach einer Gewehrsalve aus einem hohen Gebäude in der Nähe ist eine Position israelischer Scharfschützen bekannt. Das Haus der Milizen liegt in direkter Schusslinie.


"Chaos ohne Arafat"

Noch ist es möglich, die Verletzten in das einzig zugängliche Krankenhaus im Stadtzentrum zu bringen, wo die Ärzte mit Notstromaggregaten operieren. Krankenwagen sind ohne Unterbrechung unterwegs. Die Zahl der Verletzten geht bereits in die Dutzende, heißt es hastig am Telefon. Am Geschrei im Hintergrund wird deutlich, dass die Zustände chaotisch sein müssen.

Für besondere Unsicherheit sorgen die Einkreisung des Hauptquartiers von Palästinenserpräsident Yassir Arafat und Gerüchte, dass die Israelis ihn außer Landes schaffen oder verhaften wollen. "Wenn Arafat weg ist, dann bricht hier das Chaos aus", lautet die allgemeine Meinung. "Arafat ist nicht nur der Landeschef, sondern er hält hier auch alles zusammen. Die Verzweiflung wird stärker werden, wenn er nicht mehr in Ramallah ist." Den israelischen Beteuerungen, die Zivilbevölkerung sei nicht das Ziel der Militäraktion, misst in Ramallah niemand eine Bedeutung bei. Im Supermarkt sind sich die Kunden einig: "Die Israelis wollen doch, dass hier alles im Chaos versinkt." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 30.3.2002)

Peter Schäfer aus Ramallah
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