Das Indien von heute in Bildern

29. März 2002, 12:59
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Sex-Workers, Miss-India-Wettbewerbe, Familienportraits: Die Kunsthalle Wien präsentiert in ihrer Ausstellung "Kapital & Karma" auch Arbeiten der indischen Fotografin Dayanita Singh

Die Kunsthalle Wien präsentiert derzeit in ihrer Ausstellung "Kapital & Karma" Arbeiten indischer KünstlerInnen, die vor dem Hintergrund einer ökonomischen, sozialen und symbolischen Transformation entstanden sind.

Diese Transformationen in der indischen Gesellschaft brachten neue Eliten hervor, die ihr Geld in Indien verdienen und Anschluss an internationale Eliten suchen. Tradition trifft auf Modernismus, was sich vor allem durch einen Blick auf das Leben/die Inszenierung der Oberschicht zeigt, porträtiert von der 1961 geborenen Fotografin Dayanita Singh - selbst Kind dieser Elite, und sich deshalb umso mehr bewußt, dass in Indien die Geburt in diese oder jene Familie zu viel bestimmt.

Die aus Delhi stammende Fotografin präsentiert in ihrem Projekt "Family Portraits" ein Indien im Übergang – verwestlichte Menschen posieren dort, wo sich das Familienleben abspielt – in den Innenräumen ihrer Häuser. Die Einrichtung und Wahl der Accessoires offenbaren die Modernität, aber auch traditionelle Gebundenheit der Familien. Der geliebte Kitsch wird den BetrachterInnen verwehrt: Die bunten Farben von Kleidern und Einrichtungsgegenständen lassen sich nur erahnen. Die Fotografin präsentiert die Bilder in Schwarz-Weiß, entzieht dem/der westlichen BeschauerIn die Farben, die sie/er doch - gerade auch an Indien - so liebt. Die Fotografie wird zum (Lehr)Mittel, zwingt die BeschauerInnen, sich nach der indischen Wirklichkeit zu fragen.

Kitschige und exotischen Indien-Bilder

Das Indien von heute in Bildern: Sex-Workers, Miss-India-Wettbewerbe, Bilder aus "Bollywood" – damit machte sich Dayanita Singh durch Veröffentlichungen in Zeitungen und Magazinen im Westen einen Namen. Aber gerade der Westen lässt sich gerne mit bizarren, kitschigen und exotischen Indien-Bildern beliefern, und so kann eine Fotografin mit ihrer Arbeit die verzerrte Wahrnehmung und Vorurteile unterstützen, aber auch umwerfen - weshalb die Frage nach der eigenen Positionierung und Wertigkeit der Arbeit zu klären ist. 1998 sollte Dayanita Singh für die "London Times" eine Reportage über Hijras (das dritte Geschlecht) in Delhi fotografieren. Sie traf den Eunuchen Mona Ahmed, der sich bereit erklärte, sich fotografieren zu lassen, jedoch als er erfuhr, für welches Medium die Geschichte sein sollte, die Veröffentlichung der Bilder verweigerte. Die exotische Story über den "bösen, wilden" Eunuchen platzte. Eine Freundschaft mit einem intelligenten Kastraten, der den gängigen Klischees nicht entsprach, entstand. "Mona ist vielleicht das kostbarste Geschenk, das mir die Fotografie gemacht hat," erklärt Dayanita Singh, die Mona Ahmed immer wieder in Delhi besucht hat: Ein Austausch der unterschiedlichen Lebensgeschichten begleitet von privaten Fotos, eine Verbindung über Jahre, beruhend auf gegenseitigen Respekt. Plötzlich erwachte in Mona Ahmed selbst der Wunsch, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Das Buch "Myself Mona Ahmed" entstand: Schwarz-Weiß Fotografien, begleitet von Texten, in denen Mona den Fluch des "anders sein" Revue passieren lässt. Eine verzweifelte Identitätssuche. Ein Leben geprägt von Verlust: des Selbst, der Anerkennung, der Liebe, des Adoptivkindes.
(pd)

Kapital & Karma: Aktuelle Positionen indischer Kunst

29. März – 9. Juni 2002
Halle 2
Kunsthalle Wien
Museumsplatz 1

Eine Ansichtssache zur Ausstellung

Ausstellungsgespräch mit Dayanita Singh und Vivan Sundaram heute um 18 Uhr
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