Bildungssprecher Brosz für Mädchenförderung im österreichischen Schulsystem

29. März 2002, 14:39
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Grüne kritisieren Gehrers Umgang mit Pisa-Studie als fahrlässig

Wien - Einen "grob fahrlässigen" Umgang mit der Pisa-Studie werfen die Grünen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer vor. Österreich liege zwar im vorderen Mittelfeld, dennoch gebe es "klaren Handlungsbedarf" bei der Geschlechter- und Migrationsproblematik, meinte der Grüne Bildungssprecher Dieter Brosz am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Studie habe auch gezeigt, dass die Aufteilung auf Haupt- bzw. Mittelschule bereits nach vier Jahren ein massives Problem darstelle. Am Modell der Gesamtschule führe deshalb "kein Weg vorbei". Bei der Oberstufenreform plädiert Brosz für "mehr Mut".

Die Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment) wird alle drei Jahre von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführt. Am Ende der Schulpflicht werden dabei Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schüler von 31 Staaten im Vergleich untersucht. Im Mittelpunkt stehen das Leseverständnis sowie Mathematik und Naturwissenschaften.

Klarer Handlungsbedarf bei der Förderung von Mädchen

In allen OECD-Ländern ist die Lesekompetenz der Mädchen besser als jene der Burschen, in den meisten OECD-Ländern sind die mathematische Grundbildung der Jungen besser, in mehr als die Häfte der OECD-Länder ist die naturwissenschaftliche Grundbildung der Mädchen höher. (PISA-Studie, S. 145)

Bessere Leistungen der Mädchen sind ein Zeichen dafür, dass bestehende Benachteiligungen ausgeglichen werden konnten.

Beim Vergleich dieser drei Bereiche (Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften) zeige sich, dass in Österreich als einem der ganz wenigen Länder die Burschen besser abschneiden als die Mädchen, so Brosz. Österreich liege in diesem Vergleich an der 30. Stelle von 31 Ländern, was "äußerst beunruhigend" sei. Es bestehe ein klarer Handlungsbedarf bei der Förderung von Mädchen.

Migration und Benachteiligung

Die Leistungen von MigrantInnen und inländischen SchülerInnen seien laut Brosz auch stark unterschiedlich. Hier liege Österreich im Verhältnis zu zehn europäischen Vergleichsländern an letzter Stelle und benachteilige MigrantInnen also am stärksten, meinte Brosz. Die schlechteren Leistungen seien vor allem auf die Sprachproblematik zurück zu führen. Daher seien auch die Kürzungen beim muttersprachlichen Unterricht, wie sie in den letzten zwei Jahren von der VP/FP-Regierung vorgenommen worden seien, "äußerst kontraproduktiv".

Trennung von Mittel- und Hauptschule bedenklich

Und schließlich habe Pisa gezeigt, dass sich die Trennung zwischen Hauptschule und Gymnasium negativ auf die Schülerleistungen auswirke. Alle neun Länder, die bei der Lesekompetenz vor Österreich liegen, würden auf die frühzeitige Selektion verzichten. Für Brosz ist klar, dass man zu einem Gesamtschulen-Modell übergehen und die Fördermaßnahmen für sozial Benachteiligte verstärken müsse.

Kritik kam auch an den Plänen zur Oberstufen-Reform, wo sich vor allem die ÖVP vom Kurssystem verabschiedet habe. Innerhalb der anderen drei Parlamentsparteien herrsche weitgehend Einigkeit. Der ÖVP-Vorschlag, nur 15 bis 20 Prozent der Fächer frei wählen zu können, geht Brosz zu wenig weit. Der Kernstoff solle auf rund 50 Prozent reduziert werden, der Rest soll frei wählbar sein. Er spricht sich auch gegen die Typenbildung in den Gymnasien und starre 50-minütige Schulstunden aus. Österreich solle sich mehr an den skandinavischen Ländern orientieren und in Richtung selbsttätiges Lernern umgestalten.

Die Ergebnisse sind zwar hinsichtlich der Gesamtleistungen des jeweiligen Schulsystems nicht eindeutig, es zeigt sich aber, dass Österreich einen Handlungsbedarf bei der Förderung von Mädchen hat. Aus diesem Blickwinkel ist es auch nicht verwunderlich, wenn laut einer aktuellen Studie 40 % der Frauen in Technikberufen aus Mädchenklassen kommen, obwohl der Anteil der Mädchenklassen am gesamten Schulsystem nur einen Bruchteil davon beträgt. Koedukation ohne weitere Maßnahmen beeinträchtigt vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Gegenständen die Leistungen der Mädchen negativ.
(APA/red)

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