Der Bildersammler

29. März 2002, 10:01
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Der Filmregisseur Wolfgang Glück erinnert sich an seine Begegnungen mit einem anarchischen Humanisten

Wer - bis etwa Mitte der Neunzigerjahre - zu Billy Wilder auf Besuch kam, in sein elegantes Appartement am Wilshire Boulevard, Beverly Hills' erster Adresse, der fand dort die tapezierten Wände dicht gepflastert mit Bildern, die glänzenden Parkettböden voll gestellt mit kleinen und größeren Plastiken (zwischen ihnen die sechs kleinen goldenen Statuen, Oscars genannt).

Gemeinsames fiel an diesen Kunstwerken auf: Verfremdung, Zersplitterung, Zersetzung und Wiederzusammensetzung. Natürlich zuerst bei den wunderbaren Schieles. Bei Giacometti, der die scheinbar naturgegebenen Dimensionen des Körpers verleugnet.

Hockney (Wilders Freund), der ihm Hunderte Polaroids - aus leicht "ungenau" verschobenen Blickpunkten - zu einem irritierenden Ganzen zusammensetzt. Daneben Fotos von Newton (Wilders Freund), schönste Frauenkörper, in fantastischer Umgebung verfremdet.

Billy Wilder liebte auch Thonet, der das unbeugsam dem Licht schnurgerade entgegenstrebende Holz zu bändigen, zu biegen vermag, neue Formen damit baut, Kunstwerke.

Vieles davon ließ Wilder eines Tages versteigern, bei Sotheby's in New York. Warum? Er wollte "von unten zusehen, nicht von hoch oben", sagte er, "wie etwa Barbra Streisand um 600.000 Dollar glücklich den Schiele ersteht", den er um 600 Dollar Ende der 40er-Jahre bei Otto Kallir in New York gekauft hatte.

Verstörungen

Damals, als er die ersten der Oscars einheimste, hatte er zu sammeln begonnen. "Mich freut es, bei der Auktion dabei zu sein, wenn es mich auch kränkt: Mit meinen Filmen hab' ich im ganzen langen Leben nicht so viel Geld gemacht wie jetzt mit den Bildern." Um die 32 Millionen Dollar erzielte er insgesamt. Bald war die Wohnung wieder voll gehängt, mit neuer, junger Kunst: Wilder sammelte immer Verstörung, Zerstörung, Zusammensetzung.

Als wir - bald nach dem Krieg und jung - die ersten Wilder-Filme zu sehen bekamen, verachteten wir sie als "bis zum unverzichtbaren Happy End durchkonstruierte Unterhaltungs- oder Spannungsdreiakter", zählten Wilder zu den "üblichen Konfektionären der Traumfabrik". Wir lachten, aber widerwillig, über die tollen Gags und übersahen dabei leichtfertig den tiefen, ernsten Untergrund an Menschenkenntnis und Engagement.

Im Jahr 2001 haben achtzig Prozent der amerikanischen Regisseure bei einer Umfrage Wilder als den besten Regisseur genannt, und jeder Cineast schließt sich an: Wilder hat inmitten der Lust am Unterhalten, unter der Oberfläche stets Wahrheit gesucht und Stellung genommen für die Armen, die Kleinen, Außenseiter, Unterprivilegierte, Minderheiten:

An einem Verlorenen Wochenende zeichnete Wilder als Erster einen Trinker als tragisch Kranken, im verzweifelt-verkommenen Milieu der New Yorker Third Avenue.

Den alten deutschen Komödienstoff Fanfaren der Liebe verfilmte Billy Wilder erst (Some Like It Hot), als die Notsituation der beiden Männer dazu gefunden war, derentwegen sie sich als Frauen verkleiden.

Kein Komödiant

Als "anarchisch-humanistisches Meisterwerk" bezeichnete ein moderner Kritiker The Apartment. Wilder hat den Film, wie er sagte, nie als Komödie gesehen - wie viele andere. Oder Sunset Boulevard: Da spielte Wilder mit dem Film im Film sein großes, verstörendes Vexierspiel, das alle Illusion infrage stellt:

Wer kann die finale Großaufnahme der wahnsinnig gewordenen Nora Desmond vergessen: das gealterte Gesicht, das in seinem Zerfließen an die Porträts der geliebten Maler erinnert, heranreicht. Bei Billy Wilder wurde es zuletzt barmherzig-gnädig verschont.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 6. 2001; adaptiert 28. 3. 2001)

Anm: Der Artikel entstand aus Anlass des 95. Geburtstags von Billy Wilder im Juni 2001 und wurde nur in Details adaptiert. (red)

Zum Autor:
Wolfgang Glück ist Filmregisseur (Oscar-Nominierung 1987), Leiter der Österreichischen Filmakademie und langjähriger Freund von Billy Wilder.

Wolfgang Glück zeigte sich angesichts der Nachricht vom Tod Billy Wilders "sehr sehr traurig und betroffen". Für Wilder selbst und dessen Frau Audrey sei der Tod aber eine Erlösung. Bei seiner letzten Begegnung mit Glück habe Wilder gesagt "Weißt Du, ich habe vor dem Sterben keine Angst. Das Einzige ist, dass ich dort drüben viele treffen werde, die ich nicht mag."
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