Wein braucht keine Romantik

28. März 2002, 22:35
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In einem Lagerhaus können Spitzenweine Abba hören

Wien - Mozart wäre ideal. Abba sind auch o.k.: Leise dudeln die vier Schweden zwischen Martin Gerhardus' Regalen in einem Lagerhaus in der Wattgasse. "Sagen Sie nicht, dass die Art der Musik dem Wein egal ist - ich könnte ganz andere Geschichten erzählen." Aber weil Diskretion Ehrensache ist, schweigt Gerhardus dann.

Schließlich geht es nicht um seinen Wein, sondern um den, den andere Leute bei ihm einlagern. Und Weinlagerung, weiß Weinaufseher Gerhardus, ist wie Religion: Es gibt keine Wahrheit, aber viele Propheten.

Richtige Temperatur- noch Luftfeuchtigkeitsverhältnisse Eigentlich ist Martin Gerhardus Lagerraumzurverfügungsteller: Unter dem Namen "Selfstorage" betreibt er in Wien drei Lagerhäuser. "Kunden fragten, ob sie auch Wein lagern könnten", erklärt der Unternehmer, wie es zum Ableger "Winestorage" kam: Viele Freunde guten Weines hätten Wohnungen, in denen weder die richtige Temperatur- noch Luftfeuchtigkeitsverhältnisse für echte Klasseweine herrschten.

Diese Assets "plus zweifacher Sicherheitskontrolle und einem Wachdienst" finden Weinsammler für 32 Euro pro Monat in einem separaten Trakt von Gerhardus' Selfstorage-Haus in der Wattgasse. Allerdings ohne jeder Romantik: Nüchtern reiht sich in dem von Neonlicht beleuchteten Raum eine rote Tür an die nächste - dahinter liegt jeweils ein Kubikmeter Lager.

Gestoßen, so Gerhardus, habe sich bisher aber noch kein Weineinlagerer an diesem Manko: "Dafür kann man mit der Straßenbahn den Wein für den Abend holen - das bietet kein Weinkeller." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Print-Ausgabe 29 März 2002)

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