Kampfabstimmung unter Rechtsanwälten

28. März 2002, 20:22
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Wiener Kammerwahlen mit Gegenkandidat

Wien - Rechtsanwalt Harald Bisanz (56) will seine Standesvertretung "entstauben", Rechtsanwalt Peter Knirsch (62) vertraut auf "historisch Gewachsenes". Letzterer hat als Präsident der Wiener Anwaltskammer das Sagen. Noch. Denn er wird von Bisanz bei den kommenden Kammerwahlen am 25. April herausgefordert. Einen Gegenkandidaten hat es in Wien erst zweimal gegeben: 1993 und 1969. Für Spannung unter den 1668 Anwälten der Bundeshauptstadt ist gesorgt.

Dass die Wahlen bisher fast immer eine "gemähte Wiese" waren, hat mit den einzigartigen Wiener Strukturen zu tun: die 14 Anwaltsklubs einigen sich üblicherweise schon vor einer Plenarversammlung in der so genannten "Sobranje", einem informellen Gremium, dessen Name sich vom bulgarischen Verfassungsrecht aus dem 19. Jahrhundert ableitet.

Fehlende Pluralität

Bisher wurde es in dem "historisch gewachsenen Wahlbündnis" (Knirsch) beflissentlich vermieden, für eine Position zwei oder mehrere Kandidaten zu empfehlen. So einigte man sich darauf, dass der Präsident Präsident bleiben solle. Das aber weckte in Harald Bisanz Widerstand gegen "fehlende demokratische Pluralität". Und nicht nur in ihm. "Ich habe vor allem die jüngere Generation hinter mir", sagt Bisanz, der mit seinem "Club der Rechtsanwälte im Juristenverband" demonstrativ die "Sobranje" verließ.

In der Branche rührt Bisanz, laut Eigendefinition "Allgemeinpraktiker ohne Strafrecht", kräftig die Werbetrommel: Er will modernisieren, der Anwaltschaft zu mehr Medienpräsenz verhelfen und die Serviceeinrichtungen der Kammer ausbauen.

Präsident gelassen

Um das Wahlergebnis macht sich Präsident Knirsch trotzdem keine Sorgen: "13 Anwaltsklubs sind immer noch für mich." In einem Punkt herrscht Einigkeit: Der Anreiz für Anwälte, am 25. April im Hotel Marriott ihre Stimmen abzugeben, ist diesmal größer. Vor drei Jahren lag die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent. (Michael Simoner, DER STANDARD Print-Ausgabe 29.März 2002)

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