Sie reden aneinander vorbei

28. März 2002, 20:06
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Gespräch mit Christian Friesl, Chef der Katholischen Aktion

Europa ist in der Einschätzung des Religionssoziologen Peter L. Berger ein kirchliches Katastrophengebiet. Darauf verweist Christian Friesl, Präsident der Katholischen Aktion Österreichs, hauptberuflich Bereichsleiter für Gesellschaftspolitik in der Industriellenvereinigung, gelernter Pastoraltheologe, Jugend- und Werteforscher. Österreich stelle da trotz einiger hausgemachter Probleme keinen echten Sonderfall dar. Ein wichtiger Faktor der Krise bestehe darin, dass die Struktur der Kirche nicht mit ihrem heutigen demokratischen Umfeld zusammenpasse.

Wo sieht Friesl Auswege aus der Krise? "Wir können nur verändern, wenn wir nicht nur Stadt auf dem Berg sind, sondern auch Salz der Erde." Man könne sich nicht hinstellen und wie vor 50 Jahren Weisheiten verkünden. Gerade die gebildeten Gruppen, die Jüngeren in dieser Gesellschaft, stellten die Grundfrage: Was ist anders, wenn ich als Christ lebe oder als keiner?

Friesl sieht zwei Wege für die Kirche: "Erstens, auf das starke Bedürfnis nach Spiritualität einzugehen. Hier hat die Kirche einen 2000 Jahre alten Schatz von Angeboten. Und das Zweite ist, dass sich in Zeiten der Globalisierung, der Dominanz ökonomischen Denkens viele auch wieder fragen: Wer gibt mir Beispiele ethischen Handelns?"

Als früherer Leiter des Instituts für Jugendforschung kennt Christian Friesl natürlich die Probleme zwischen Kirche und Jugend besonders gut: "Es ist in der Tat ein desaströses Ergebnis, dass in Zeiten, wo Religiosität an sich einen hohen Stellenwert hat, es die Jungen sind, die diesen Trend brechen. Dort ist in zehn Jahren der Messbesuch noch einmal fast um die Hälfte eingebrochen."

Kirche und Jugend reden und kommunizieren aneinander vorbei

Wir hätten es mit einer Generation zu tun, die von ihrem kulturellen Umgang her auf völlig andere Dimensionen setze, als das die Kirche tue. "Wir haben heute den enormen Wunsch nach Spannung, nach Erlebnis, nach Authentizität, nach Erdigsein, nach Spüren. Auf der anderen Seite eine Kirche, die auf der Ebene der Hochkultur kommuniziert. Kirche und Jugend reden und kommunizieren aneinander vorbei."

Die Kommunikation könne aber auch gelingen: "Wo junge Menschen Kirche als anwesend, als interessiert, als vor Ort erleben, dort funktioniert der Dialog."

Ein durchschnittlicher Sonntagsgottesdienst motiviere Jugendliche kaum zur Kirche: "Hier ist viel mehr Kreativität gefordert, da würde ich mir den Experimentiergeist der Zeit nach dem Konzil wünschen, wo sehr viel an liturgischen, musikalischen Angeboten für Jugendliche gemacht wurde. Diese Begeisterung vermisse ich jetzt ein wenig."

Standardprogrammen holt man kaum einen Jugendlichen hinter dem Ofen hervor

Mit Standardprogrammen hole man kaum einen Jugendlichen hinter dem Ofen hervor, dazu sei die Konkurrenz der Freizeitindustrie zu stark. "Es gibt Ausnahmen, einige sehr kreative Wege, wie beispielsweise den - und das ist ein positives Ergebnis des Dialogs für Österreich - Dialog X, wo kirchliche Jugendorganisationen unterschiedlicher Herkunft - von den Movimenti bis zur katholischen Jugend - gemeinsam überlegen, was Kernelemente jugendlichen Lebens sind, wo es noch Schnittpunkte zur Kirche gibt."

Beispielsweise das Projekt Nightwatch am 13. und 14. April, wo an 15 verschiedenen Orten zur gleichen Zeit in Österreich ein Nachtgebet stattfindet.

Spiritualität und Solidarität, Mystik und Politik - das sind die Bereiche der Christen von morgen. Großevents mit charismatischen Persönlichkeiten hält Friesl für durchaus attraktiv, viel hält er auch vom Einbinden von Jugendlichen in überschaubare Projekte. (DER STANDARD Print-Ausgabe 29.März 2002)

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