"Über Gott lacht man nicht"

29. März 2002, 10:38
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Wilde Dohungen und ein halbes Dutzend Anzeigen gegen einen "Antichristen" - Kollegen stellen sich in Interviews hinter Haderer

Bei der Staatsanwaltschaft liegt gegen das Jesus-Buch von Karikaturist Gerhard Haderer bereits ein halbes Dutzend Anzeigen vor. Der Verlag, der selbst mit Drohungen konfrontiert wird, überlegt ebenfalls eine Anzeige. In Flugblättern wird kräftig Stimmung gegen den Zeichner gemacht. In der Erzdiözese Wien spricht man von "Trittbrettfahrern".

Grafik: Standard/Kufner

Wien - "Über Gott lacht man nicht." Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun bringt die Botschaft der katholischen Kirche auf den Punkt. Im Zentrum des Streits um das umstrittene Buch des Karikaturisten Gerhard Haderer "Das Leben des Jesus" steht aber längst eine andere Institution: die Staatsanwaltschaft Wien. Dort sind bereits ein halbes Dutzend Anzeigen wegen Blasphemie, Gotteslästerung, Beleidigung der Kirche oder, wie es rechtlich korrekt heißen müsste, "Herabwürdigung religiöser Lehren" eingelangt. Die Staatsanwaltschaft studiert das Buch und prüft die Anzeigen.

Unter den Anzeigern findet sich bisher kein offizieller Vertreter der Kirche oder einer katholischen Institution. Mit dem Wiener Rechtsanwalt Erich Ehn, dem Rechtsexperten der Erzdiözese Wien, der ausdrücklich als Privatperson eine Anzeige eingebracht hat, hat sich aber auch schon ein prominenter Katholik an den Staatsanwalt gewandt.

Im Ueberreuter-Verlag, der das Buch herausgibt, spricht man von einer "Unverhältnismäßigkeit": An einer Diskussion über das Thema sei nichts auszusetzen. Das Einschreiten der Staatsanwaltschaft wäre aber bedenklich, heißt es in einer Stellungnahme. Und weiter: "Protestiert werden muss nicht gegen ein Buch, in dem niemand persönlich beleidigt oder verletzt wird, sondern gegen gezielte persönliche Angriffe auf den Künstler, die indirekt dazu auffordern, ihn und seine Familie zu beschimpfen und zu bedrohen."

In einer anderen Sache wurde bereits ein Rechtsanwalt eingeschaltet. Der Verlag lässt ein Flugblatt wegen gefährlicher Drohung prüfen. Darin heißt es wörtlich: "Solche Lumpen, wie dieser Herr Haderer, der kein Karikaturist, sondern ein geldgieriger, rücksichtsloser, millionen Menschen zutiefst beleidigender Rürpel (sic!) ist, der hat im freien Österreich nichts zu suchen. Für den muss ein anderer Aufenthaltsort gefunden werden!" Herausgegeben und im oberösterreichischen Raum verteilt wird dieses Pamphlet von der Initiative "Die Neutralen", die laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes über viele Berührungspunkte zur rechtsextremen Szene verfügt. Am Cover des dreiseitigen Flugblattes: der Presse-Kommentar von Kardinal Christoph Schönborn, der die Diskussion ausgelöst hat.

"Das sind Trittbrettfahrer. Mit den hier formulierten Gedanken kann man sich nicht identifizieren", erklärt Schönborn-Sprecher Erich Leitenberger auf Anfrage des STANDARD. Die Kritik am Buch verteidigt er: "Worum es der Kirche geht, ist ausschließlich der Hinweis darauf, dass es nicht akzeptabel ist, wenn tiefste religiöse Gefühle verhöhnt und verspottet werden."
(APA, pm/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2002)

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