Vom überschwemmten Markt

29. März 2002, 20:31
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29. März 2002

... in dem angeblich eine Zentralfigur des christlichen Glaubens verspottet wird, wie Kardinal Schönborn. Ob ihm dieser Einsatz für die Freiheit des Denkens und der Kunst gelohnt wird, bleibt indes zweifelhaft. Viele Käufer werden Gerhard Haderers Opusculum enttäuscht aus der Hand legen, nachdem sie es auf der Suche nach der gepfefferten Lästerung, die ihnen verheißen ward, durchgeblättert haben. So hilft man weder Kunst noch Glauben, und zumindest Letzteres dürfte doch Absicht gewesen sein.

Vorbehaltlos gratulieren kann man dem Kardinal hingegen zu der Schützenhilfe, die ihm Dienstag von seinem Redaktionskollegen in Christo Wolf Martin zuteil wurde. Dessen Rede war nicht nur ja, ja, nein, nein und was darüber ging, ging so: Des Gegners Meinung wolln verbieten/ die "intellektuellen" Nieten,/ die stets, wie ferngelenkte Hammeln,/ sich um Frau Jelinek versammeln/ und um perfide Wertzersetzer/ wie Haderer und andre Hetzer./ Doch sie soll andererseits nichts hemmen,/ den Markt mit Dreck zu überschwemmen,/ gemixt aus Kotkunst, Blasphemie,/ aus Lüge und Pornographie/ und heuchlerischem Drumherum/ von öligem Gutmenschentum.

So viel zum Thema: Den Markt mit Dreck überschwemmen. Aber vermutlich geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Kardinal zu einem solchen Beispiel christlicher Nächstenliebe ein mahnendes Wort hören lässt. Kritik am Chef ist eben seine Sache auch in der "Krone" nicht, der rückt den Dreck schließlich ins Blatt.

Und das schafft Freunde, durchaus auch dort, wo man sie vermuten würde. Andreas Mölzers Rechtspostille "Zur Zeit" machte kürzlich auf einer ganzen Seite Gratisreklame für Hans Dichand, sein Blatt sowie seine jüngste - ist es die dritte oder die fünfte? - Biografie, und einer der Autoren des Blattes, Carl Gustaf Ströhm, verteidigte die "Kronen Zeitung" mit einem Glaubenseifer, der schon ins Geschäftsmäßige ging, gegen Attacken des deutschen Links-, aber auch Springerblattes "Welt am Sonntag".

Österreichs "Krone" unter linkem Liebesentzug, ächzte Ströhm - er versteht die Welt nicht mehr. Da zitiert die "WamS" - auflagenstarke Sonntagszeitung des früher als konservativ bekannten, inzwischen aber weitgehend in den linken Zeitgeist (und außerdem in die roten Zahlen) abgerutschten Axel Springer-Konzerns - einen ansonsten weitgehend unbekannten Salzburger "Publizistikwissenschaftler", der die "Krone" als "antidemokratisch, demagogisch, denunzierend und bewußt rechthaberisch" charakterisiert habe. Dieser Mann habe dem Wiener Massenblatt überdies "Reißertum", "verbale Schnelljustiz" und "arrogante Selbstbeweihräucherung" attestiert.

Da kommt der Wissenschafter bei Ströhm aber schlecht an. Mag man zur "Kronenzeitung" und ihrem Herausgeber stehen wie man will - aber bei näherer Betrachtung transportiert hier das Springer-Blatt pauschale Vorurteile und Verdächtigungen, die alles oder auch nichts besagen. Die nähere Betrachtung bestand dann in der Frage: Wer hat darüber zu befinden, was "antidemokratisch" und was "demagogisch" ist? Sonst hat man bei "Zur Zeit" damit nie Probleme.

Leider hat der ganze Artikel derart linke Schlagseite, daß am Ende so gut wie nichts übrigbleibt. Da wird hämisch und voll Empörung vermerkt, daß der "fundamental-konservative Bischof Kurt Krenn" wöchentlich eine Kolumne in der "Krone" schreiben darf. Der "WamS"-Leser aber erfährt nicht, daß dort ebenfalls wöchentlich auch der Wiener Kardinal und Erzbischof Schönborn, der als ausgesprochen "liberal" gilt, eine noch viel größere Kolumne schreiben darf. So sind sie, die Linken bei der "WamS", verschweigen glatt den liberalen Kardinal! War wirklich Zeit, dass sich einer schützend vor Dichand warf.

Dabei ist der gar nicht darauf angewiesen. Dieser Tage flatterte eine österliche Heilsbotschaft herein, geeignet, den Verstocktesten zu erheben. Einen Gast, der selten in den Medien auftritt, darf Krone Hit R@dio Programmdirektor Mag. Bernd Sebor am Ostersonntag in seiner Sendung "Sebor am Sonntag" begrüßen, und nie werden Sie erraten, wer das Subjekt dieser Auferstehung ist: Keinen geringeren als Krone-Chef Hans Dichand.

Halleluja, jubelt ihr Engel, der Herr tut ein Wunder - der "Krone"-Chef im Krone Hit R@dio, und das am Ostersonntag! "Eine riesige Ehre für uns" freut sich Sebor, denn Interviews mit Hans Dichand sind rar. In zwei Stunden erzählt Hans Dichand über sein Leben, den Werdegang der Kronen Zeitung und seine Vorbilder, also wieder einmal nichts Neues, aber diesmal als Radio-Hochamt.

Wo ist ein Kardinal, der fordert, dieser groben Verhöhnung des christlichen Glaubensgutes muß ein Riegel vorgeschoben werden? Und sei es nur in seiner Kolumne.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. März 2002)

Von Günter Traxler
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