Sergio Cofferati, Hoffnungsträger der italienischen Linken

28. März 2002, 19:52
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"Ciao, Sergio!" "Tutto bene, Sergio?!" "Ein Autogramm, Sergio!" - wo Sergio Cofferati derzeit auftritt, gibt es einen Auflauf. Auf den neuerdings in Italien beinahe wöchentlich abgehaltenen Großkundgebungen, liegen ihm die Massen zu Füßen, wollen alle dem neuen Hoffnungsträger der italienischen Linken auf die Schulter klopfen: "Wir zählen auf dich, Sergio!"

Dabei ist der 54-jährige Chef der größten italienischen Gewerkschaft, der Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL), alles andere als ein Volkstribun. Der grau melierte Herr mit randloser Brille und akkurat getrimmtem Vollbart liebt Pferde und Opern von Verdi. Cofferati tritt zurückhaltend auf, ist freundlich und verbindlich - ganz wie es sich für einen fein gekleideten, kultivierten, norditalienischen Signore eben gehört.

"Signor No"

Dann allerdings ist da noch der "Signor No", der "Herr Nein", wie Cofferati von Gegnern wie Freunden beinahe ehrfurchtsvoll genannt wird: der harte Verhandler, der der Regierung Berlusconi mit dem Gewicht seiner 5,4 Millionen Mitglieder zählenden CGIL das Leben schwer macht. Drei Millionen Menschen hat der Gewerkschafter am vergangenen Wochenende gegen die Arbeitsrechtsreform der Mitte-rechts-Regierung auf die Piazza gebracht. Das qualifiziert den CGIL-Chef in den Augen vieler als Führer für die schwer zerstrittene Mitte-links-Opposition in Rom.

Zeit dafür hätte der "Chinese", wie Cofferati wegen seines asiatisch anmutenden Gesichts und einer kurzen jugendlichen Sympathie für Mao auch genannt wird. Im Sommer legt er den Gewerkschaftsvorsitz zurück. Die Befähigung für einen Oppositionsführer indes hat sich der 54-Jährige in einer langen Karriere bei der CGIL im Kampf gegen Regierungen aller Couleur angeeignet.

"Abgebrochener 68er"

1969 trat Cofferati in eine Fabrik des Pirellikonzerns bei Mailand ein; aus schierem Geldmangel musste der "abgebrochene 68er", statt an der Mao-Bibel zu arbeiten, Lohnarbeit leisten. 1974 wurde er Sekretär bei der Mailänder Chemiegewerkschaft, dann Funktionär in der Zentrale in Rom, 1994 schließlich wurde er zum CGIL-Boss bestellt.

Im Sommer wolle er wieder zu Pirelli zurückkehren, hat der zurückhaltende Cofferati bereits angekündigt. Die weniger reservierten römischen Auguren schließen das definitiv aus. Zeigt der Cremoneser auch nur das geringste Interesse an der Führung des Ulivo, ist ihm eine Bestellung zum Oppositionschef sicher.

Bereits 1994 hat "Signor No" mit Kundgebungen den Anfang vom Ende der Regierung Berlusconi I eingeläutet. Ob ihm das auch diesmal gelingt, scheint fraglich. Der Premier hat eine Mehrheit, mit der er bequem bis 2006 regieren kann. Das weiß auch Sergio Cofferati, die neue Lichtgestalt der Linken. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 29.3.2002)

Von Christoph Prantner
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    bild: der standard
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