Ein Gotteslehrer ohne Gott

29. März 2002, 22:18
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Die ontologischen Virtuositätsübungen des Boris Groys

Dem russischen Philosophen Boris Groys war bekanntlich nur eine kurze Rektorenlaufbahn in Wien beschieden: Groys' Verpflichtungen an der Karlsruher "Staatlichen Hochschule für Gestaltung" ließen den Verantwortlichen, aber wohl auch Groys selbst einen aufreibenden Pendelverkehr zwischen Wien und Badener Land nicht ratsam erscheinen.

Wien hat es, aus welchen Gründen immer, also nicht vermocht, sich der Dienste eines der brillantesten Philosophen der Gegenwart nachhaltig zu versichern. Der aktuelle Gesprächsband, der als Orientierungshilfe durch das sich immer weiter verzweigende und verkomplizierende Werk eines Nonkonformisten bestens taugt, legt aber noch eine andere, sogar kokette Pointe nahe - eine solche, die in Groys' Überlegungen selbst angelegt scheint.

Denn der Philosoph, gibt Groys seinem Freiburger Gesprächspartner Thomas Knoefel völlig ungerührt zu verstehen, habe im lebensweltlichen Getriebe aktueller Zeitgenossenschaft wenig bis gar nichts zu suchen.

Groys Gesprächsübungen, im Geiste der Stoa absolviert, zielen demgegenüber einen soziologischen Raum der Ewigkeit an: einen solchen der Archive und musealen Stätten, in welchem die kulturellen Erzeugnisse der Tradition bis auf Widerruf abgelagert werden.

Nur in der Bannung aller kontingenten Erfahrungen - worunter die Zeitlichkeit, das heißt Sterblichkeit von Personen, also auch Philosophen zu zählen ist - könne, so Groys, jener Archivraum überhaupt erst entstehen, der jeden philosophierenden Novizen, schon allein kraft dieser vorgängigen archivarischen Setzung, zur Neueinschreibung zwingt. So elegant hat noch kein Akrobat an die Pforte zur Ewigkeit gepocht! Der ganze, gewaltige Rest von Groys' sich verzahnendem Denken entsteht aus dieser merkwürdigen, ontologischen Setzung. Denn der Intimkenner der sowjetischen SozArt denkt alle flottierenden Diskurse, wie sie etwa die Kultur- und Medienwissenschaften "sekundär" hervorbringen, ganz im Licht dieser einen Voraussetzung: Es ist das Archiv, das mich in den "Kontext" stellt. Niemals bin ich es, der eine (blinde) Verfügungsgewalt über die Überlieferung zu behaupten vermag. Man darf, so Groys, "nicht das Erbe kritisieren", sondern muss die Gegenwart einzig im Namen des kulturellen Erbes in Betracht ziehen.

So büßt aber auch jede der üblichen kulturellen Verlustanzeigen ihren genuinen Sinn ein. Während nämlich die Globalisierung, einem "on dit" zufolge, als der alle Differenzen niederwerfende Gleichmacher empfunden wird, erhebt Groys die Schließung des globalisierten Raums erst zur Voraussetzung einer jeden vergleichenden Kulturbetrachtung. Noch einmal anders, und mit tiefem Bedauern gesprochen: Groys' asketische Zurückhaltung in aktuellen Fragen lässt kaum ahnen, welchen einsichtigen Kommentator die Ereignisse vom 11. September bis auf weiteres verloren haben.

Aber man kann sich mit vorliegendem Band bestens behelfen. Boris Groys entwickelt eine "Philosophie des Verdachts", die das Primat der angeblich unentrinnbaren "Ordnung des Diskurses" zugleich verwirft. Dabei fußt dieses Denken jederzeit sicher in der Aufklärung. Groys bietet nur die etwas andere Erzählung an: Erst im "Selbstopfer Gottes" sei der Tod des Absoluten zu jenem "unüberbietbaren Geschenk" geworden, das kein menschlicher Verstand zu erwidern vermag. Von Groys' Gedanken fühlt man sich dagegen doch beschenkt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.3. / 1.4. 2002)

Von
Ronald Pohl

Boris Groys: Politik der Unsterblichkeit. Vier Gespräche mit Thomas Knoefel. 208 Seiten/EURO 15,40. Carl Hanser Verlag, Edition Akzente, München/ Wien 2002.
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