Eine Reise in den Atheismus

28. März 2002, 21:10
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Die 18. Unglaubwürdige Reise der Ilse Aichinger

Wahrlich, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich", heißt es in der Matthäuspassion. Das gilt auch für Kardinal Schönborn und seine Sprache und das, was er für angemessene Sprache hält. Auch für Karikaturen ist er zuständig, für alles, was sich für Verbote eignet. Gut, dass die Habsburger vorbei sind, nur die Kirche hat es noch nicht realisiert. Und noch weniger den Wandel des Geschmacks.

In dem Kirchenblatt Glaube und Volk, das ich heute aus der kalten Franziskanerkirche unbezahlt mitgenommen habe, steht zur Bekräftigung des Bibelsatzes "Keine Träne weint ihr allein" nur die Empfehlung: "Wählen Sie das Jesus-Handy". Weitere Tröstungen: Am Ostermontag wird eine Pilgerfahrt nach Klein-Mariazell angeboten, Abfahrt Mayerling. "Dort findet der Pilgerreisende die Pilgerherberge mit Gasthof und komfortablen Tagungsteilnehmer-Zimmern."

Das renommierte Kirchenwirtshaus wird sich dem oft verregneten Fest gewachsen fühlen. Auch den Morgengebeten um 5.58 und 6.58 in Radio Stephans- dom, auch den Betrachtungen Kardinal Schönborns "nach dem Osterevangelium" (im Kabelnetz der Telekabel Wien und NÖ. auf 87.7 MHz und bei Kabelsignal auf 105,0 MHz zu empfangen).

Im Wiener Volksgarten kann man danach bei freiem Eintritt den Osterhimmel über Wien bewundern, falls man nicht den Osterhimmel über Wels - weniger Kirchen -, über Livorno oder über der Auvergne vorzieht. Jedenfalls ist Österreich zu Ostern wieder sehr gefragt, "die Thermen boomen und die heimischen Wellnessdestinationen sind ausgebucht" (Kurier, 27. März 2002). Andere Destinationen wie das Unfallkrankenhaus und das AKH werden kurz darauf ausgebucht sein, auch Krankenhäuser wie Ried im Innkreis, Schärding oder Neulengbach. In der Matthäus- passion heißt es auch: "Befiehl du deine Wege / und alles was dich kränkt, / der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt." - Etwas weit weg und etwas zu unsicher, diese Reise, lieber nicht darauf vertrauen. In der Passion ist auch von Tränen, die getrocknet werden, die Rede. Aber wer keine Tränen hat, dem werden auch keine getrocknet.

Soll man den beneiden, der schon am Ostermontag mit dem glorreichen Rosenkranz Visionen wie derjenigen einer "Wurstelpraterzukunft" (Kurier) entgegentritt? Aber wozu Rosenkränze, wenn konkrete Hilfe möglich und nötig ist? Wozu Predigten des Kardinals, wo ein echter Mystiker, einer des alltäglichen Scheiterns, Her- mes Phettberg, wöchentlich einen Predigtdienst schreibt, Protokolle der Einsamkeit und der Revolte? Einer Revolte, die ungehört bleibt, kein Radio Stephansdom würde das zulassen.

Reisen in den Zweifel: unglaubwürdig, kaum auszudenken und doch möglich wie alle Jahre wieder das größte christliche Fest und seine Destinationen.

Die nächste "Unglaubwürdige Reise" wird am nächsten Freitag angetreten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2002)
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