"K.aF.ka fragment": Die Projektionsmaschine läuft

28. Juli 2004, 12:27
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Literarische Liebesgeschichte von Christian Frosch

Wien - "Während ich mich setzte, sah ich sie zum ersten Mal genauer an. Als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil." Mit der minutiösen Beschreibung eines ersten Eindrucks beginnt eine Liebesgeschichte zwischen einem Mann aus Prag und einer Frau aus Berlin. Dokumentiert in zahllosen Briefen, die ihrerseits erkennen lassen, dass der Verfasser "das Schreiben fast noch mehr liebt als Fräulein F.", die ihm zunehmend als Projektionsfläche dient.

K.aF.ka fragment von Christian Frosch (Die totale Therapie) ist keine Dramatisierung von Franz Kafkas im Verlauf von fünf Jahren verfassten Briefen an Felice Bauer. Die Schauspieler Lars Rudolph und Ursula Ofner verkörpern weniger die beiden Protagonisten, als dass sie bestimmte Posen und Haltungen einnehmen, die mit dem Beschriebenen korrespondieren. Oder es in seltsamer Distanz halten: Wenn etwa vom Schreiben die Rede ist und Hände über eine Computertastatur gleiten oder an anderer Stelle manisch Bögen mit Tintenschrift gefüllt werden.

Der Eindruck von (stimmiger) Distanz ergibt sich auch aus dem Umstand, dass K.aF.ka fragment, eine Produktion der jungen Wiener Firma hammelfilm, auf 8-mm-Material und damit ohne Originalton gedreht wurde. Auf der Tonebene des Films werden stattdessen verfremdende Akzente, einzelne Geräusche gesetzt, die die Filmmusik und die Off-Stimme, die aus den Briefen liest, ergänzen.

Offene Bezüge

Wenn der Film in körnigem Schwarzweiß oder ausgebleichten Farben diesen eher beiläufigen, offen gehaltenen Bezug zum Text aufgibt und symbolträchtige Bildwelten entwirft, dann geht dabei auch jener Effekt verloren, der vorher entsteht, wenn Worte und Bilder einander so begegnen, dass sich daraus irritierende Lücken ergeben:

Eine wunderschöne Sequenz begleitet etwa die Frau durch die Stadt und lässt sie gleichsam in einer visuellen Warteschleife hängen, während K.s Briefe davon sprechen, einen Besuch zu machen, K. diesen aufschiebt, dann doch anreist, um schließlich die Geliebte erst wieder zu verfehlen. Der repetitive, obsessive Gestus der Sprache, des Briefeschreibens - oft mehrere an einem Tag - entfaltet sich am eindringlichsten in solchen Bild-Ton-Montagen.

An anderen Stellen, an denen K. und F. einander heftige physische Auseinandersetzungen liefern und der Raum aus den Fugen gerät, wird das Fragmentarische jedoch von allzu forcierter Künstlichkeit und lähmender Theatralik eingeholt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2002)

Von
Isabella Reicher


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