Abwerbung in Madagaskar

29. März 2002, 16:40
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Ravalomanana gewinnt an Unterstützung im Kampf der Präsidenten

Antananarivo - Ein Rücktritt hat die Gewichte in Madagaskars dreimonatigem Machtkampf der Präsidenten weiter verschoben: Der Militärgouverneur der Hauptstadt Antananarivo, Léon Claude Raveloarison, gab in der Nacht auf Donnerstag auf. Der General, der vom noch amtierenden Präsidenten Didier Ratsiraka eingesetzt worden war, um das Kriegsrecht in der Stadt nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Dezember durchzusetzen, begründete seinen Rücktritt mit der "Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu verfolgen". Der Gewinner dieser Entscheidung ist einmal mehr Marc Ravalomanana, der sich vor einem Monat selbst zum Präsidenten ernannte.

Von Antananarivo aus versuchen Ravalomananas Anhänger seither den Inselstaat zu übernehmen. Der neutralen Haltung der Armee ist es dabei zuzuschreiben, dass der Machtkampf zwischen den beiden Präsidenten noch nicht in den befürchteten Bürgerkrieg ausgeartet ist. Beobachter schätzen, dass seit Dezember 27 Menschen in den sporadisch aufflackernden Konflikten ums Leben kamen; drei starben vergangenen Mittwoch, als Gefolgsleute des neuen Präsidenten versuchten, den Gouverneurspalast der Provinzstadt Fianarantsoa zu stürmen, und von der Militärpolizei erschossen wurden.

Die Stadt, 300 Kilometer südlich von Antananarivo, ist zum strategischen Ziel des Ravalomanana-Lagers geworden. Kommt sie unter die politische Kontrolle des neuen Präsidenten, wäre der Belagerungsring durchbrochen, den Ratsiraka-treue Milizen um Antananarivo gelegt haben, und der Weg zum Seehafen Manakara frei. Ratsiraka selbst hat sich mit seiner Regierung in die Hafenstadt Toamasina zurückgezogen.

Sämtliche Führungsposten in Ministerien, Provinzregierungen und Staatsbetrieben sind nun doppelt besetzt. Ravalomananas Premier, Jacques Sylla, gab diese Woche vor einem halb leeren Parlament seine Regierungserklärung ab: Nur 55 Abgeordnete hörten ihm zu, die Ratsiraka-Abgeordneten wollten die Reise in die Hauptstadt nicht antreten oder konnten es nicht wegen der Straßensperren. Politische Beobachter sind allerdings überzeugt, dass Sylla keine Schwierigkeiten hätte, zusammen mit unabhängigen Abgeordneten und selbst einigen Arema-Mitgliedern - der Partei von Ratsiraka - eine Mehrheit im Parlament hinter sich zu bringen. (mab, Der STANDARD, Print-Ausgabe 29.3.2002)

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