Eierpecken

2. Mai 2002, 13:44
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+ + + PRO

Samo Kobenter

Symbolisch: In Sizilien, beispielsweise, greifen sich Männer in den Schritt und umfassen mit festem Griff kurz ihr Gemächt, um dräuendes Unglück abzuwenden oder etwas zu bekräftigen. Der Schwur "bei meinen Eiern" steht in seiner Anrufungskraft gleich neben der Heiligen Muttergottes von Cefalú, beispielsweise.

Das Eierpecken verbindet und versöhnt die Symbolsphären des Aberglaubens und der Erotik in ebenso einfachem wie tiefsinnigen Spiel. Das bewusste Aufeinanderschlagen zweier hartgekochter Eier mit dem Ziel der Beschädigung des jeweils anderen bedarf sicherlich keiner semiotischen Entschlüsselung, es ist ganz eigentlich so deutlich, dass es einem allein beim Zusehen jenen Teil schaudernd-wonnig durchzieht, den der Südländer im Angesicht des Schreckens schutzsuchend und schützend zugleich ergreift. In der kurzen Bewegung, welche die Eier aufeinanderprallen lässt, liegt des Menschen furchtbare Erkenntnis, dass nach der Geburt der Tod das interessanteste Ereignis seines materiellen Seins ist. Und sie bezeichnet den Irrtum, er könne die Endgültigkeit des Schlussstriches unter seine Existenz mittels seiner Zeugungskraft aufheben.

Beim Pecken gewinnt, wer die härtesten Eier hat - auch das wollen wir nicht weiter erläutern. So einfach ist das im Grunde, so bitter. Doch die Variante des Spiels, Geldstücke möglichst so geschickt auf die aufgestellten Eier zu werfen, dass sie darin stecken bleiben, erinnert uns tröstlich daran, dass aus der Brieftasche kompensiert werden kann, was wir nicht in der Hose haben.

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- - - CONTRA

Markus Mittringer

Dem Feind den Schädel einschlagen, und ihn dann auch noch auffressen - das ist Kannibalismus. Schädel-Einschlagen gut, aber essen, das ist zu viel. Egal, welch grundpositiven Effekte die moderne Völkerkunde dem Verspeisen der natürlich oder leicht nachgeholfenerweise gerade eben erst Verblichenen zuschreibt, ich mag nicht. Ritual hin oder her. Ich will mir weder irgendwelche Eigenschaften meiner frisch Erschlagenen aneignen, noch will ich einem fremden Körper als Grab dienen. Selbst dann nicht, wenn er mir wichtig genug war, ihn zu erschlagen. Brauchtum hin oder her. Allein die Vorstellung, dass zum Beispiel der Kobenter, nach dem ich ihn erschlagen hab', auf dem Wege des Verzehrs seiner Hülle, in mir und durch mich wieder geboren wird, ist, sagen wir, unheimlich. Auferstehung hin oder her.

Jetzt weiß ich natürlich auch, dass das Leben nur dann gesichert ist, wenn Oralität und Analität irgendwie miteinander ein Auskommen finden, aber schließlich kann ja nicht alles auf meinen Schultern lasten. Ich ess' ihn einfach nicht. Hartgekocht schon gar nicht - bei meinen Eiern (Egal, was er zahlen würde.) Die kannibalische Ordnung, und also das Eierpecken, als deren warmgeduschter Vollzug, sind meines nicht. Übergangsphänomen hin oder her. Ich weigere mich, Massengrab für grünstichige Seelen wildfremder Eier zu sein. Und: Den Erkenntniswert des Aufeinanderprallens zweier Eier gewinnt man auch beim Trampolinspringen.

derStandard/rondo/29/03/02

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