Hier, mein Herz!

29. März 2002, 13:09
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Man darf wieder weinen: Little Jimmy Scott, grandioser Seelendarsteller, war im Studio und hat "But Beautiful" eingespielt - eine Sammlung guter alter Songs von Liebe und Leid

Achtung, dieser Mann kann Sie in Untiefen hinabziehen, dorthin, wo gebrochene Herzen wohnen, Tränen fließen, zu jenem Ort, an dem Wunden bis ans Ende aller Tage bluten - in die Unterwelt der urbanen Seelen. Orpheus Little Jimmy Scott muss dort gewesen sein. Aber er ist zurückgekehrt. Ohne Bitterkeit leidet er für uns, weint er für uns. Beschenkt uns mit einer Geborgenheit in der Traurigkeit. Leiden wir ein wenig mit ihm, kehren wir allerdings geläutert zurück, denn nebst der Tatsache, dass er der Tragödie Würde verleiht, gibt Little Jimmy auch Hoffnung. Seine zweifellos schon etwas reife Stimme eines Engels, der weiß, wovon er singt, vermittelt den Eindruck, dass hier einer schon einige Jahrzehnte Karriere (Beginn bei Lionel Hampton) hinter sich gebracht hat - auch einige Jährchen Schweigepause durch widrige Lebens- und Berufs- und Suchtmittel-Umstände.

Seit den 90er-Jahren kann er es sich jedoch wieder im Scheinwerferlicht bequem machen und zeigen, dass er mit seiner ewigen Knabenstimme (wegen einer raren Erbkrankheit ist er nie in den Stimmbruch gekommen und hat schon vor der Pubertät zu wachsen aufgehört) ein legitimer Nachfolger von Billie Holiday ist. Ein großer, theatralischer Schmerzensmensch. Seine Methode ist auch auf But Beautiful (ZYX) sofort erkennbar: Little Jimmy ist zunächst ein großer Verzögerer der Zeit. Mag die Band noch so streng "grad" spielen - er lässt sich Zeit, er hält sie an. Dabei inszeniert er sein raffiniertes Spiel mit Beschleunigung, Verlangsamung und Innehalten. Manchmal werden die Töne schmerzvoll herausgepresst, als ginge es um die Geburt von Drillingen. Dann wiederum - am Ende einer Phrase - beschenkt er mit jenem großzügigen angerauten Vibrato, das auf die Vergangenheit des amerikanischen Gesangs verweist, als man das Schmalzige noch tun durfte.

Andererseits ist er dann schon bisweilen auch einfach Rezitator, Erzähler, großer Sprecher. Er lässt die Songs dermaßen persönlich über die Rampe kommen, dass man meint, er würde sie selbst in diesem Augenblick erfinden. Als würde einer aus seiner Autobiografie vortragen. Little Jimmy entwickelt seine Töne aus dem Text. Lied und Person sind deckungsgleich. Das sind natürlich schöne Zerreißproben für die Songs, ohne dass sie reißen. "Jimmy Scott ist der einzige Sänger, der mich zum Weinen bringt", sagt schließlich Madonna. Und auch nicht schlecht gesagt - von Lou Reed: "Es ist, als wären Hamlet und Macbeth beide in einem Song eingefangen." Die Band (mit Trompeter Wynton Marsalis) klingt diesseitig, mainstreamig, was etwas schade ist, aber auch wieder nicht. Denn in dieser Umgebung kommt Jimmys Kunst der Unmittelbarkeit noch eindringlicher.

derStandard/rondo/29/3/02

von Ljubisa Tosic
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