Andersen: Stellenabbau in den USA

28. März 2002, 11:45
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6.000 Mitarbeiter müssen gehen - Chef zurückgetreten - Kunden-Exodus

New York - Die Wirtschaftsprüfergesellschaft Arthur Andersen erwägt nach einem Zeitungsbericht den Abbau von bis zu 6.000 Stellen in den USA. Eine diesbezügliche Ankündigung sei binnen einer Woche geplant, schreibt die "Financial Times" am Mittwochabend in ihrer Online-Ausgabe. Der Abbau werde als Teil des Rettungsplans veröffentlicht.

Am Dienstag ist auch der Chef der vom Enron-Skandal schwer angeschlagenen Wirtschaftsprüfungsfirma Arthur Andersen, Joseph Berardino, ist zurückgetreten. Berardino will mit diesem Schritt zur Rettung des Unternehmens beitragen wolle. Der scheidende Chef erklärte, er übernehme mit seinem Rücktritt "die Verantwortung für den Fall Enron und seine Folgen".

Kunden-Exodus

Seit dem Zusammenbruch von Enron, dessen Bücher durch Andersen geprüft worden waren, haben allerdings bereits 70 Großkunden Arthur Andersen den Rücken gekehrt. Vier Monate nach dem Pleite-Skandal um den Energiehandelsriesen Enron kämpft dessen Wirtschaftsprüfer, bis dahin eine der fünf ersten Adressen unter den Buchprüfern, ums Überleben. Das weltweite Andersen-Netzwerk mit 85.000 Mitarbeitern fällt bereits auseinander, das Ausschlachten der 89 Jahre alten Firma hat begonnen. Fusionsgespräche mit den vier größten Konkurrenten in den USA scheiterten, weil niemand die Millionenklagen übernehmen will.

Rettungspläne

Der frühere Präsident der US-Notenbankpräsident Paul Volcker forderte nun die 1.600 US-Partner von Andersen zur raschen Unterstützung seiner Rettungspläne für das Unternehmen auf. Andernfalls werde auch er sich zurückziehen, kündigte Volcker nach einem Bericht der Wirtschaftsnachrichten-Agentur Bloomberg an. Die US-Partner müssten gemeinsam an einem Strang ziehen und eine Entscheidung treffen, sagte Volcker. Derzeit falle ihnen dies jedoch sehr schwer.

Bereits vier Tage vor dem Rücktritt Berardinos hatte Volcker die Topmanager von Andersen aufgefordert, ihre Posten niederzulegen. Er wolle dann einen unabhängigen Vorstand einsetzen, um das angeschlagene Unternehmen eventuell noch in letzter Minute zu retten, so Volcker damals.

Anklage wegen Dokumentenvernichtung

Arthur Andersen ist vom US-Justizministerium wegen der Vernichtung von zahlreichen Dokumenten im Zusammenhang mit den Buchprüfungen des Energiehandelskonzerns Enron verklagt worden. Volcker bemüht sich derzeit mit Reformvorschlägen um eine Abwendung der Klage. Er hatte auch personelle Veränderungen als notwendig bezeichnet.

Berardino sagte, die Firma meine es ernst mit ihren Reformen. Mit seinem Rücktritt wolle er unterstreichen, dass Andersen ein "ernsthaftes Firma ist, die es verdient, hier in den USA weiterzumachen." Berardino, der 1972 zu Andersen gekommen war, stand seit 14 Monaten an der Spitze der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Er bleibt noch bis zur Ernennung eines Interims-Nachfolgers im Amt.

Vor dem Rücktritt des Andersen-Chefs hatte der Beratungsriese in ganzseitigen Zeitungsanzeige die Anklage wegen Justizbehinderung als "tragischen Fehler" bezeichnet. "Die Anklage ist eine politische Breitseite und bezieht sich nicht auf Fakten", hieß es darin. "Wir freuen uns auf den Gerichtstermin."(APA/dpa/Reuters)

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