Paris: Amokschütze springt in den Tod

29. März 2002, 12:27
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Debatte um den Umgang der Präsidentschafts- Kandidaten mit der Bluttat von Nanterre

Das ursprüngliche Vorhaben des Amokschützen von Nanterre ist vollbracht: Einen Tag nach dem Blutbad im Gemeinderat des Pariser Vorortes, das acht Tote forderte, hat sich Richard Durn umgebracht. Der 33-Jährige sprang am Donnerstag während eines Verhörs im dritten Stockwerk des Pariser Justizgebäudes aus dem Fenster. Er starb noch vor dem Eintreffen der Ambulanz in einer Blutlache.

Vorgang des Selbstmordes wird geprüft

Die unglaubliche Wendung erfolgte in einem Moment, da Frankreich noch weitgehend unter dem Schock des Massakers steht. Der Vorgang des Selbstmordes wird nun geprüft: Innenminister Daniel Vaillant, der von einem "schweren Versagen" sprach, ordnete sofort eine interne Untersuchung an und drohte mit Sanktionen. Ersten Berichten zufolge soll Durn in einem Dachzimmer von zwei Polizeibeamten verhört worden sein. Er war nicht in Handschellen, was ein "dialog- und aussagefreundlicheres Klima" schaffen sollte, wie sich ein Ermittler ausdrückte.

Polizisten versuchten ihn zurückzuhalten

Auf die Aufforderung, sich zu erheben und ein Dokument zu unterschreiben, stürzte sich der Amokschütze auf eine breite Dachluke, öffnete sie und kletterte über die 1,60 Meter hoch liegende Brüstung. Die Polizisten versuchten ihn zurückzuhalten, Durn strampelte sich aber frei und sprang in den Tod.

Durn hatte Selbstmordgedanken geäußert, nachdem ihn am Mittwoch in Nanterre die überlebenden Gemeinderäte überwältigt hatten. Auch in der ersten Vernehmung erklärte er, er habe töten wollen, um dabei selbst getötet zu werden. Ein hinterlassener Brief zeugt von der gleichen Absicht. Seine aus Slowenien eingewanderte Mutter, mit der Durn in einer ärmlichen Wohnung zusammenlebte, sagte einem TV-Sender, ihr Sohn habe schon des öfteren von Suizid gesprochen.

Wahlkampfzweck

Eine anhaltende politische Polemik hat die nationale Trauer jedoch schnell verdrängt. Mehrere Kandidaten der anstehenden Präsidentschaftswahlen sahen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie schlachteten die Bluttat von Nanterre für ihre Wahlkampfzwecke aus. Im Visier ist vor allem Jacques Chirac: Der amtierende Staatschef hatte am Morgen nach der Bluttat Nanterre aufgesucht, schüttelte aber am Nachmittag anderswo an einem Wahlmeeting bereits wieder lächelnd Hände; dabei erklärte er, die allgemeine Unsicherheit - das wichtigste Wahlkampfthema - reiche "von gewöhnlicher Unzivilisiertheit bis zu einem Drama wie in Nanterre". Medien werfen dem Gaullisten vor, er werfe unterschiedliche Probleme in einen Topf. KP-Kandidat Robert Hue, der vier Parteifreunde verloren hat, sagte fürs Erste sämtliche Wahlmeetings ab. (Stefan Brändle, DER STANDARD Print-Ausgabe 29.März 2002)

Stefan Brändle aus Paris
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