Problemzone Vorstadt

28. März 2002, 23:37
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Allgemeine Unsicherheit wegen steigender Verbrechensrate

Paris - Nicht erst seit dem Amoklauf im Rathaus von Nanterre ist klar: Die Franzosen fühlen sich in ihrem eigenen Land immer weniger sicher. Umfragen zufolge halten 58 Prozent innere Sicherheit für das wichtigste Thema im laufenden Präsidentschafts-Wahlkampf. Mehr als zwei von drei Franzosen sind überzeugt, dass Unsicherheit und Kriminalität seit der letzten Wahl vor sieben Jahren zugenommen haben.

7,7 Prozent Anstieg der Gewaltdelikte

Die offizielle Kriminalitätsstatistik weist 2001 einen Anstieg der Delikte um 7,7 Prozent aus. Erstmals wurde die Vier-Millionen-Grenze überschritten. Den größten Anteil an den 4.061.792 registrierten Straftaten haben Diebstähle mit 62,1 Prozent. Die Anzahl der Gewaltdelikte gegen Personen ist am stärksten gestiegen, nämlich um fast ein Zehntel.

Anteil der Minderjährigen an den Angezeigten kletterte auf 20 Prozent

Mit Beunruhigung wird registriert, dass mit der Gewalt- auch die Jugendkriminalität seit mehr als zehn Jahren kräftig ansteigt. Der Anteil der Minderjährigen an den Angezeigten kletterte auf mehr als 20 Prozent, vor zehn Jahren waren es nur knapp 14 Prozent gewesen.

Problemzone Vorstadt

Die Problemzonen liegen vor allem in den Vorstädten, in denen Jugendliche oftmals mit Gewalt aufwachsen und Kriminalität zu einem Teil der Jugendkultur wird. Der Soziologe Hugues Lagrange bezeichnet diese von Arbeitslosigkeit und Existenzängsten geprägten Viertel als "Produktionsstätten von Kriminalität". Jeder Vierte hier gibt an, bisher erfolglos Arbeit zu suchen. Das sind doppelt so viele wie im nationalen Schnitt, rechnete die nationale Statistikbehörde INSEE in einer aktuellen Studie vor.

Wandel der Jugendkriminalität

Lagrange stellt einen Wandel der Jugendkriminalität fest: An Stelle von Gelegenheitsdiebstählen sei eine Gewaltkriminalität der "Ausgeschlossenen" getreten. Jugendliche, die keine Chance auf sozialen Aufstieg sehen, organisieren sich in Banden - und bekriegen einander gegenseitig.

Neun Jugendliche kamen im Jahr 2000 bei Bandenkämpfen ums Leben. Kürzlich folterten zwei Teenager in der Nähe von Besancon eine Gleichaltrige und ließen ihr blutendes Opfer in einem Keller zurück. Der Mord an einem Vater in Evreux, der seinen Sohn vor jugendlichen Schlägern beschützen wollte, offenbarte nicht zuletzt die Hilflosigkeit der Erwachsenen angesichts der Gewalt. Und verstärkte die Unsicherheit.(APA)

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