Rolf Eckrodt, der erste deutsche Boss eines japanischen Großkonzerns

28. März 2002, 19:28
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Ein sanfter Sanierer mit harter Hand

Rolf Eckrodt ist der erste Deutsche an der Spitze eines japanischen Großkonzerns. Beneiden muss ihn darum niemand. Denn als Mitsubishi-Boss steht er vor einem Berg von Arbeit. Zunächst muss der marode Autobauer fitgemacht werden. DaimlerChrys- ler, Inhaber der Befehlsgewalt, wird nicht ewig Milliarden nach Japan schaufeln, um den Traum von der "Welt-AG" (DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp) weiterträumen zu können. Teamchef Schrempp will den Schwachmatiker Mit- subishi zum Leistungssportler aufbauen, Eckrodt ist der Fitnesstrainer.

Der Sprung an die Spitze bei Mitsubishi gilt vielen als Höhepunkt seiner Karriere. Die erste Herausforderung für den 59-Jährigen ist das nicht: Er begann seine Karriere bei Daimler 1966 gleich nach dem Studium, in der Folge wurde er zum Krisenfeuerwehrmann. Zuletzt war er Chef der Bahntechniktochter Adtranz, die im Vorjahr an Bombardier verkauft wurde. Sein Führungs- und Sanierungsstil hat ihm Feindschaften eingebracht, ein Gewerkschafter nannte ihn einen "Mann ohne Verantwortungsbewusstsein".

Messen wird man den Münsterländer am Tempo, mit dem er den japanischen Patienten fitbekommt. Carlos Ghosn, Nissan-Chef von Renaults Gnaden, hat ein hohes Tempo vorgelegt, doch vielleicht läuft Brasilien-Fan Eckrodt dem Brasilianer den Rang ab. Wie schnell der Deutsche sein kann, zeigte er im Vorjahr bei der Tokyo Motor Show. Binnen wenigen Wochen mussten seine Mannen fertige Konzeptautos hervorzaubern. Der Autonarr ist dabei ganz in seinem Element, er darf die Marke Mitsubishi neu erfinden. Wenig Zeit wird dabei wohl für seine Hobbys - Golf, Handball, Fußball - bleiben.

Sanfter Sanierer mit harter Hand

Eckrodt gilt als sanfter Sanierer mit harter Hand, frühere Kollegen warnen, er habe "Messer zwischen den Zähnen". Wer nicht pariert, kann sich einen anderen Sushi-Geber suchen, der widerspenstige Konzernlenker Takashi Sonobe musste jetzt den Chefsessel für ihn frei machen.

Zum Dienstantritt als Vizechef in Tokio 2001 nahm Eckrodt ein Stück Berliner Mauer mit, als Zeichen, dass kein Stein auf dem anderen bleibe. Den Brocken stellte er den Mitsubishi-Managern auf den Schreibtisch, sie dürften die historische Botschaft - "Mitsubishi und DaimlerChrysler müssen zusammenwachsen wie Ost und West" - verstanden haben. Oder wenigstens das Prinzip: Wer zahlt, schafft an. So hat Eckrodt, obwohl er kaum Japanisch spricht, bereits eine kleine Kulturrevolution zustande gebracht: Die Hierarchien sind aufgebrochen, Entscheidungen werden in kleinen Gruppen getroffen.

Mittlerweile fühlt sich Eckrodt, verheirateter Vater zweier Söhne, in Tokio "pudelwohl". Die Verbeugungen fallen noch ein bisserl zu tief aus, aber sein Süppchen schlürft er schon professionell, also laut. (Andreas Stockinger, Der Standard, Printausgabe, 28.03.2002)

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