Der jüdische Alltag in Hohenems - Suche nach Gemeindevermögen

27. März 2002, 18:52
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Hohenems - Eigentlich könnte die Stadt Hohenems Forderungen an den Entschädigungsfonds stellen. Zu diesem - zynischen - Schluss muss man kommen, schaut man sich die bewegte Geschichte der Hohenemser Synagoge an.

Zu den noch wenig erforschten Kapiteln der Vorarlberger Regionalgeschichte gehören Enteignung und Zerstörung des Besitzes der Israelitischen Kultusgemeinde Hohenems. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten war sie weniger als 20 Menschen groß. 1940 wurde die Gemeinde von den neuen Herrschern aufgelöst.

Was geschah mit dem Gemeindebesitz? Thomas Albrich vom Institut für Zeitgeschichte Innsbruck präsentierte im Rahmen der Ausstellung "Zeichen des Alltags" eine Zwischenbilanz seiner Recherchen. Albrich: "Vom ersten Tag nach dem Anschluss wurde die Übernahme des Besitzes angestrebt."

1939 wurden alle noch verbliebenen Hohenemser Juden gezwungen, nach Wien zu ziehen. Ihr Besitz ging an die Kultusgemeinde Wien, die den Hohenemser Nazis schließlich alle Liegenschaften um eine Pauschale von 8000 Reichsmark (rund 30.000 Euro) verkaufen musste. Die Synagoge, ein Barockgebäude, wurde für die Feuerwehr umgenutzt, das Inventar wurde zerstört oder verschwand. Die Kultgegenstände blieben bis heute unauffindbar. Ungeklärt ist auch der Verbleib des Barvermögens der Kultusgemeinde. Bei den betroffenen Banken wurde noch nicht nachgeforscht.

Nach dem Krieg musste Hohenems die Synagoge an die Kultusgemeinde Wien rückstellen, die überließ das Gebäude nach Rechtsstreitigkeiten der total verarmten Innsbrucker Gemeinde. Die verkaufte wiederum an Hohenems und verzichtete damit auf Regressforderungen. So kam Hohenems zum zweiten Mal in den Besitz des Gebäudes. Und könnte nun Entschädigungsforderungen für zerstörtes und gestohlenes Inventar stellen.

Bis 1. April ist im Jüdischen Museum noch die Wanderausstellung "Zeichen des Alltags", die jüdisches Leben in Deutschland zeigt, zu sehen. (jub, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 3. 2002)

"Zeichen des Alltags": Jüdisches Museum Hohenems, Di bis So, 10-17 Uhr
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