Es ist eine Tragödie!

27. März 2002, 20:44
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Bilderstarke "Perséphone" beim Wiener "Osterklang"-Festival im Odeon

Wien - Die vor Aufführungsbeginn gehegte Befürchtung war: Feuertöpfe satt (in mediokren Inszenierungen von Griechisch-Mythologischem stellen Feuertöpfe meist ein quasi unumgängliches Requisit dar; Anm.) sowie eine hehr raunende Andrea Eckert, die im Zeitlupenschritt und mit weiten Augen Schicksal erleidet. Feuertöpfe waren keine da (Dank an Erwin Piplits), Andrea Eckert aber kam (im Primaballerina-Zeitlupenschritt), sah (mit schicksalsweiten Augen) und raunte hehr. Jeder Vokal eine Qual, jeder Satz eine Botschaft nur: Achtung, große Tragödie! Achtung, noch größere Tragödin! Aber ja doch.

Perséphone, Igor Strawinskys selten gespieltes Melodram, ist ein Opus nicht ohne Faszination. Trotz der heftigen Wickel mit André Gide während dessen Entstehung - Gide sah seine kunstvoll gedrechselten Versrhythmen durch die silbenweise Vertonung Strawinskys zertrümmert - atmet das Werk eine schlichte, berückende Ruhe. 1934 fertig gestellt, lässt Perséphone grundsätzliche Paradigmenwechsel in der Kompositiontechnik des Russen ohrenfällig werden, so etwa die Zurücknahme des rhythmischen Primats oder auch die Auflockerung, die Lichtung des Satzbildes.

Sicher durchwanderte das RSO Wien unter der Leitung der eingesprungenen Julia Jones die Perséphone-Partitur, fand besonders in den kammermusikalischen Abschnitten zu intensiver Innigkeit. Erwin Piplits & Ulrike Kaufmann hatten die Musiker wie auch den Chor (eindrücklich: Concentus Vocalis) hinter eine semitransparente hohe Wand aus Holzlamellen verbannt: ein ästhetisch ansprechender und künstlerisch kluger Einfall, erhöhte doch die Halbsichtbarkeit der vollhörbar bleibenden Musiker den Sinnlichkeitsfaktor deutlich. Im Karree davor spielte sich die dreifaltige Geschichte vom Leben, Tod und der Wiederauferstehung der Erdentochter ab.

Donald Kaasch trieb als Eumolpe jene Handlung voran, die die zehn Tänzer des Serapions-Ensembles darzustellen versuchten. In schicksalszerfetzt-erdverdreckten Tüllwolkenröcken, XL-bezopft, schattenweiß und dankenswerterweise kaum irritiert von der wie gesagt schicksalsweit blickenden Andrea Eckert, krümmten sie sich postnatal, verkrochen sich unter die Unterweltsdecke oder grimassierten bizarr: archaisch-futuristische Ewigkeitszwitter, androidenhafte Emotionstransmitter, welchen die brav beklatschte Inszenierung von Piplits & Kaufmann den größten Teil ihrer enormen Bilderkraft zu verdanken hatte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 3. 2002)

Von
Stefan Ender


WEB-TIPP:

odeon-
theater.at

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