Ein mühsames Aktienjahr 2002

27. März 2002, 19:06
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Analyse: Gute und schlechte Nachrichten halten einander die Waage

Wien - Statistischen Reihen zufolge müsste heuer ein gutes Aktienjahr werden. Denn seit dem Zweiten Weltkrieg gab es noch nie drei Jahre mit negativer Aktienkursentwicklung in Folge - und zwei liegen ja schon hinter uns. Gleichzeitig scheinen die Wirtschaftsdaten günstig zu sein:

Das Verbrauchervertrauen in den USA ist fast so hoch wie vor dem 11. September, die US-Notenbank sieht eine signifikante Erholung der Konjunktur, in Europa hellt sich das Klima ebenfalls zunehmend auf, Inflationsrisken werden auf beiden Kontinenten nicht gesehen. Abgesehen von politischen Risken dürfte auch der Ölpreis zwischen 22 und 25 Dollar je Fass stabil bleiben. Selbst wenn - wie es der Markt bereits eingepreist hat - die US-Notenbank im Mai und Juni die Leitzinsen um je einen Viertelprozentpunkt auf dann 2,25 Prozent erhöht, ist das noch immer ein sehr investitionsfreundliches Niveau. Und: Viel Geld ist noch in Cash geparkt, Kapital sollte also in die Aktienmärkte fließen.

Keine schlimmen Überraschungen zu erwarten

Dazu sind von der kommende Woche anlaufenden Berichtsaison keine schlimmen Überraschungen zu erwarten. Denn einerseits haben die Analysten ihre Schätzungen sehr weit nach unten korrigiert, und andererseits fällt heuer ein großer Brocken an Sonderabschreibungen weg, der - auch wenn die Firmen nicht mehr verdienen - die Bilanzen mit Gewinnplus versehen wird.

Die großen Börsenindizes in den USA und in Europa liegen derzeit etwa auf Niveau des Jahresbeginns. Ihr Tief hatten sie in der Folge des 11. September.

"Double dip recession"

Trotz aller günstigen Winde glauben einige Analytiker allerdings nicht an brauchbare Ernte im laufenden Jahr. Einerseits ist die Angst vor einer Trampeltier-Rezession - also einem Tief mit Erholung und anschließend neuerlichem Tief - groß. Fünf der vergangenen sieben Rezessionen zeigten diese Doppelhöcker (double dip recession). Andererseits sind Aktien historisch gesehen noch immer hoch bewertet.

Volksbanken-Fondsmanager Horst Simbürger verweist etwa auf das durchschnittliche Kurs-Gewinnverhältnis im S&P 500 seit Mitte der 80-er Jahre von 17. Derzeit liegt es auf 23. Die Nasdaq-Titel sind zwar von 60 auf 29 gefallen, der historische Durchschnitt in Zeiten des Wirtschaftswachstums liegt aber bei 18.

Zudem lehrt die Vergangenheit auch, dass Aktien vor einem Zyklus steigender Zinsen gute Erträge liefern, nach Zinsschritten aber Minusvorzeichen aufweisen. Ob das Hinweise auf die Zukunft liefert? Selbst das ist umstritten. Kein Wunder, dass kein Unternehmen einen handfesten Ausblick auf das laufende Wirtschaftsjahr wagt, sondern lediglich positive und negative Einflussfaktoren auflistet.(Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 28.03.2002)

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