Ein Kommandant sattelt auf Maurer um

28. März 2002, 15:35
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600 Stunden Deutsch, mit leichtem Zwang, aber durchaus Erfolg: Sprachkurse für Ausländer.

Wien - Mohammed kommt aus Afghanistan und war von Beruf Kommandant. Shir kommt ebenfalls aus Afghanistan. Beruf: Kommandant. Der andere Mohammed, 34 Jahre alt, war Soldat, seit er denken kann - er kommt aus Afghanistan. Gemeinsam sitzen sie in einem Schulungsraum in Wien-Simmering und lernen Deutsch. Ein Kurs, der ihnen vorgeschrieben wurde, den sie aber mit viel Engagement absolvieren. Am Ende steht eine Prüfung und, bei Erfolg, ein Sprachdiplom.

Die anderen im Raum heißen Fatima (Irak), Mukhtar (Sudan) oder Zainal (Dagestan). 13 Personen sitzen hier und lernen Deutsch. Sie alle sind Flüchtlinge, haben in Österreich um Asyl angesucht - und es auch erhalten. Im Kardinal-Franz-König-Integrationshaus, das gemeinsam vom UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) und dem Innenministerium betrieben wird, haben sie Unterkunft gefunden. Das Leben müssen sie sich von ihrer Sozialhilfe selber finanzieren, sogar eine Miete wird ihnen abverlangt. 22 Euro pro Monat, mehr ein symbolischer Beitrag. "Damit sie lernen, dass Wohnen etwas kostet, dass regelmäßig Miete gezahlt werden muss", sagt Heimleiter Michael Mann.

Motiviert sind sie. Das Asyl- verfahren haben sie hinter sich gebracht, sie dürfen dableiben, das ist das Wichtigste. Die Zukunftsaussichten scheinen nicht so schlecht. Erst einmal eine Unterkunft, dann der Integrationskurs: Sprachunterricht und eine Berufsberatung, dazu psychologische Betreuung. Die ganz schweren Fälle von Traumatisierung werden außer Haus vom Verein Hemayat in Muttersprache betreut.

Arzt als Pfleger

Die Zukunftsaussichten erscheinen manchen rosiger, als sie tatsächlich sind. Chodor ist 48 Jahre alt, kommt aus Afghanistan, spricht sechs Sprachen, hat als Biologe gearbeitet. "Milchtechnologe", sagt er, an der Universität sei er Professor gewesen. Chodor möchte wieder als Wissenschafter arbeiten - was unwahrscheinlich ist. Ein anderer Flüchtling aus der Gruppe hat als Arzt praktiziert. Nostrifizierungen sind aber das große Problem, der Mann wird bestenfalls eine Stelle als Krankenpfleger finden.

Razia war in ihrer Heimat Lehrerin, jetzt will sie Kindergärtnerin werden. Muhammad ist erst 19, außer Krieg hat er nichts gelernt. Er will "Sicherheitsfachkraft" werden, sagt er, "fünf Jahre Kickbox", fügt er als Begründung hinzu. "Aber erst Staatsbürgerschaft." Der 30-jährige Samad kommt aus dem Irak, er ist Diplomingenieur, würde es aber auch als Schneider machen.

160 Flüchtlinge sind in diesem Heim untergebracht, Träger ist der Fonds zur Integration von Flüchtlingen, FIF. 60 Prozent der Bewohner sind Afghanen. Die anderen kommen aus afrikanischen Ländern, aus Iran oder dem Irak, viele auch aus den Kaukasus-Republiken.

Nach einem Jahr sollten die Flüchtlinge so weit sein, dass sie einen Job finden. Den meisten gelingt das. Dann vermittelt ihnen das Innenministerium eine Wohnung. Auch bei humanitären Notfällen wie dem 60-jährigen General aus Afghanistan, der in Wien Unterschlupf gefunden hat, lässt sich eine Unterkunft finden.

Alphabetisierung

Der Deutschkurs umfasst insgesamt 600 Einheiten zu je 50 Minuten. Das Problem bei den Afghanen: Zuerst ist ein Alphabetisierungskurs notwendig, nach durchschnittlich zwei Jahren Grundschule können die wenigsten lesen oder schreiben.

Die Gruppe mit Fatima, den Mohammeds und Mukhtar gehört zu den Fortgeschrittenen. Sie hören sich eine Kassette an, auf der ein Maurer von der Arbeit erzählt. Danach simulieren sie ein Gespräch über das Maurerdasein. Wie der Mann vom Tonband mit wienerischem Einschlag. Wie im richtigen Leben.

Das Schlimmste haben die Flüchtlinge hinter sich, die Zukunft kann nur besser werden. Egal ob als Pfleger, Schneider oder Maurer. Integration findet statt, dazu gehört auch Wiener Aussprache - mit leichtem Zungenschlag.

Michael Völker
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