"Man weiß nicht, was derzeit in ihm vorgeht"

27. März 2002, 19:12
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Kirch-Krise: Murdoch, Berlusconi drohen mit Rückzug - Poker um Anteile bei Kirch - Privat-TV-Szene im Umbruch

Der Kampf um das Überleben der hoch verschuldeten Kirch-Gruppe gestaltete sich am Mittwoch immer mehr zu einem Pokerspiel. Der australisch-britische Medienunternehmer Rupert Murdoch drohte mehrfach mit Rückzug, Silvio Berlusconi ließ verlauten, man strebe derzeit nicht die Kontrolle an. Außerdem wurde in Italien publik, dass die Abschreibungen auf die Beteiligung an der Kirch-Gruppe den Jahresgewinn 2001 Berlusconis Konzerns "deutlich belastet" hätten.

"Man weiß nicht, was derzeit in ihm vorgeht"

Ob nicht Leo Kirch selbst doch noch lieber den Weg der Insolvenz beschreitet, um eine feindliche Übernahme zu torpedieren, wurde von Bankenvertretern ebenfalls nicht ausgeschlossen. "Man weiß nicht, was derzeit in ihm vorgeht." Dabei wurden ihm dem Vernehmen nach 200 Millionen Euro für seinen Rückzug angeboten.

Überbrückungskredit

Um die Geschäfte in den nächsten vier bis sechs Wochen fortführen zu können, braucht die Kirch-Gruppe nach Informationen aus Finanzkreisen einen Überbrückungskredit in der Größenordnung von ebenfalls rund 200 Millionen Euro. Die Banken wollten diesen aber nur zahlen, wenn Murdoch und Berlusconi Details ihrer Pläne auf den Tisch legen. Diese wiederum verlangen von den Banken einen weitaus stärkeren Verzicht auf Zinsen und Kreditrückzahlungen.

Auch die Politik schaltete sich am Mittwoch ein: "Mit Sorge", so SPD-Fraktionschef Peter Struck, sehe man, dass Murdoch und Berlusconi in Deutschland großen Einfluß bekommen könnten. Nach Ansicht des Kölner Medienforschers Lutz Hachmeister steht der deutsche Fernsehmarkt vor dem größten Umbruch seit der Einführung des Privatfernsehens 1984. Außer RTL stünden alle anderen Privatsender "in der bisherigen Form zur Disposition". (afs/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 28. März 2002)

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