"Er tötete, um getötet zu werden"

28. März 2002, 14:05
10 Postings

Schütze führte persönliche Motive an

Die Horrornacht ist vorbei, die Sonne scheint wieder vor dem Rathaus in Nanterre, aber der Mann in der grünen Strickweste zittert immer noch. Man versteht ihn: "Ich spürte, wie eine Kugel meine Jacke streifte. Ich dachte, ich sei getroffen, und bückte mich hinter einen Tisch." Samuel Rijik, gaullistischer Abgeordneter im Lokalparlament des armen Pariser Vorortes Nanterre, erzählt mit ruhiger Stimme, auch wenn immer wieder Tränen in die übernächtigten Augen drängen.

"Das Ganze war völlig irreal, verrückt. Da saß einer den ganzen Abend lang hinter uns, in kaum zwei Meter Distanz vom ersten Parlamentarierrang, und bevor er in Aktion trat, verfolgte er die Budgetdebatte bis zum Schluss." Dann war Schluss für acht Abgeordnete, vier Kommunisten, ein Grüner, drei Rechtsoppositionelle. Sie starben unter dem methodischen Feuer zweier Maschinenpistolen.

Jetzt, am Morgen danach, zirkuliert eine Namensliste unter den Angehörigen, die sich vor dem Rathaus versammelt haben. Vierzehn weitere Ratsmitglieder kamen mit teilweise schweren Schussverletzungen davon.

Viel Munition

Die kommunistische Bürgermeisterin Jacqueline Fraysse berichtet gefasst, wie sie die Ratssitzung um 1.15 Uhr in der Nacht geschlossen habe, wie der "Kranke" - einer der letzten Zuschauer - zusammen mit den Gemeinderäten aufgestanden sei. "Er kam auf uns zu, sagte nichts, nahm einen nach dem anderen ins Visier. Es dauerte lange, er lud mehrmals nach. Erst bei der dritten Unterbrechung konnten ihn ein paar Räte überwältigen." Wollte er etwa alle töten? "Ja, ich glaube schon, er suchte sogar Einzelne bewusst heim. Er hatte viel Munition."

Er: Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich bei dem Täter um einen 33-jährigen Arbeitslosen, der als Sportschütze in legalem Waffenbesitz war. Vor dem "Hôtel de Ville" von Nanterre, dessen pyramidenähnlicher Betonbau in den 60er-Jahren vielleicht modern war, wissen viele Umstehende ein paar Details: Der Amokläufer habe bei seiner Mutter gewohnt. Er war Kassier eines Menschenrechtsvereins; zuvor habe er Kontakt zu Linksparteien und den Grünen gesucht, war aber wegen seines "gestörten" Auftretens nicht aufgenommen worden, wie ein Grünen-Sprecher meinte.

"Einzelne Gemeinderäte kannten ihn"

"Einzelne Gemeinderäte kannten ihn", meint ein sozialistischer Abgeordneter. "Ich sah ihn dort zum zweiten Mal, und er unterhielt sich vor der Tat mit ein paar Leuten im Publikum, als wenn nichts wäre, er war so ruhig wie beim ersten Mal. Meiner Meinung nach tötete dieser verzweifelte Verrückte, um selber getötet zu werden. Als sie ihn bereits gepackt hatten, schrie er: 'Tötet mich! Tötet mich!'"

Ein TV-Sender berichtete, dass Richard Durn, wie der Täter heißen soll, unter psychiatrischer Betreuung stand und dem Sozialamt mehrmals durch gewalttätiges Verhalten aufgefallen sei, ohne dass Mitteilung an die Polizei erstattet worden sei. Doch wen interessiert das am Tag "danach" schon? "Man muss solche Leute eliminieren, man muss die Schraube einfach fester anziehen", poltert ein älterer Zaungast, der sich über das allgemeine Gefühl der Unsicherheit in Frankreich beklagt. "Gibt es Überlebende?", fragt eine Gruppe schwarzer und maghrebinischer Jugendlicher, die sich durch den Journalistenpulk einen Weg zum Rathaus bahnen.

Niemand antwortet, die Polizei schickt die Störenfriede weg. "Wir fragten ja nur, weil ein paar behaupten, auch unser Lehrer sei erschossen worden", entschuldigt sich einer der Schüler im Trainingsanzug und schiebt eine Kollegin vor, die eine Rose mitgebracht hat. Jetzt erteilt ihm der Polizist bereitwillig Auskunft. Der nordafrikanische Schüler hat wohl noch nie einen so freundlichen Flic erlebt. (Stefan Brändle, DER STANDARD Print-Ausgabe 28.März 2002)

Share if you care.