Kirchenband kommt nicht gegen die Spice Girls auf

26. März 2002, 21:09
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Harald Baloch, Bischofsberater in Graz

Für Harald Baloch, Kirchenexperte für Fragen der Wissenschaft und Kultur, kann die Frage Kirchenkrise nicht isoliert gesehen werden: "Die Kirche befindet sich mit der europäischen Gesellschaft in einer Krise. Viele Faktoren der Kirchenkrise kommen aus dem gesellschaftlichen Leben, aus dem zivilisatorischen Prozess." Er sieht freilich auch selbst gemachte Krisen der Kirche und führt als Beispiel die Sprache an: "Die Kirche hat sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil immer mehr in sich eingerollt, und so ist - paradoxerweise aus dem aktiven Bemühen, Gemeinschaft zu bilden - etwas entstanden wie eine theologische oder religiöse Binnensprache. Diese Sondersprache isoliert dann die kirchliche Gemeinschaft, wenn sie nach außenhin auftritt, bei Veranstaltungen oder auch in Stellungnahmen von Bischöfen, von der Normalsprache der Gesellschaft. Die Normalsprache ist eine Art Smalltalk geworden, und in der Kirche spricht man hochgestochen theologisch."

Doch wichtige Krisensymptome führt Baloch auf Wertewandel zurück: "Ich habe noch zum 25-jährigen Dienstjubiläum eine Treueprämie bekommen, heute gilt einer, der 25 Jahre in einer Firma bleibt, bereits als Trottel. Der Maßstab dessen, wie der Mensch in seiner beruflichen Potenz eingeschätzt wird, bis hinein in die Beziehungspotenz, ist heute der Wechsel. Ein Wort wie Treue wird nicht erst entwertet, weil die Leute gegen die Treue in der Ehe oder in Beziehungen sind, sondern weil Treue als solche kein Lebenswert mehr ist. Der Wechsel, die Veränderung wird zum positiven Wert. Und das schlägt natürlich auf eine Institution, die davon lebt, dass sie einer Tradition die Treue hält, enorm zurück. In so einer Gesellschaft wird das Eingehen von dauernden Lebensbindungen, ob Priesterberuf oder Ehe, völlig absurd."

Kulturwandel

Dazu spielt der Wandel zu einer Event- und Fungesellschaft eine Rolle: "Früher hat man sich durch Feste und Unterhaltung von Armutserlebnissen befreit. Die heutige Gesellschaft hat ihre Feste, Spiele und Events nicht aus Armut, sondern aus Langeweile und muss daher ihre Eventdosis immer steigern. So gerät die klassisch einfache Festlichkeit, die es im religiösen Leben gibt, unter den Druck einer gigantischen Eventmaschinerie. Was ist Kardinal Schönborn gegen DJ Ötzi? Diese Eventkultur wird auch in dem Maß, in dem sie mit Marketing von Produkten verbunden ist, zu einer riesigen Herausforderung. Wer da mitzuhalten versucht, geht noch mehr unter, weil die kleine Kirchenband natürlich nicht gegen die Spice Girls aufkommen kann." (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 27. 3. 2002)

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