Kirch pokert bis zum bitteren Ende

27. März 2002, 10:30
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Mit der Pleite der Kirch-Gruppe bekommt Murdoch die größtmögliche Chance, in der deutschen TV-Branche Fuß zu fassen

Auch mit dem Rücken zur Wand pokert Leo Kirch: Er bot am Dienstag seinen vollständigen Rückzug aus dem Kernstück seines Unternehmens, der Kirch Media, an. Er forderte dafür aber 70 Prozent der Einnahmen aus dem Verkauf der TV-Rechte für die Fußballmeisterschaft. Bisher haben die Banken und die Minderheitsgesellschafter dem von der Pleite bedrohten Medienunternehmer nur den Ehrenposten als Aufsichtsratschef angeboten.

Die Rechte hat die Kirch-Gruppe für umgerechnet 1,2 Milliarden Euro erworben und diese Summe bis zum Dezember bereits durch den Weiterverkauf an TV-Anstalten wieder erlöst. Allerdings, so betonte ein Kirch-Sprecher, seien erst 50 Prozent der möglichen Verträge abgeschlossen worden. Damit ergebe sich theoretisch für Kirchs Forderung eine Summe von 1,68 Milliarden Euro.

Kirch will das Feld nicht kampflos räumen

Kirch will das Feld für seinen Erzrivalen Rupert Murdoch nicht kampflos räumen. Mit einer feindlichen Übernahme seines Imperiums durch Murdoch hat sich der 75-Jährige jedoch bereits abgefunden. In einem Spiegel-Interview erklärte Kirch Mitte Februar: "Wenn es notwendig sein sollte, halte ich ihm alles hin. Dann frisst er mich eben."

Vor fünfzig Jahren hat Kirch seinen Konzern durch den Erwerb der Rechte an dem Fellini-Klassiker "La Strada" begründet, wurde durch Aufbau oder Einstieg bei den Privatsendern Sat.1 und ProSieben sowie seinem 40-Prozent-Anteil am Axel Springer Verlag selbst zur Größe auf dem deutschen Medienmarkt. Doch mit Milliardeninvestitionen beim Pay-TV-Sender Premiere verkalkulierte er sich. Der teure Einstieg in die Formel 1 im Vorjahr brachte ihn endgültig in Finanznot. In- zwischen beträgt der Schuldenberg über sieben Mrd. .

An Kirch Media, zu der die Beteiligungen an den TV-Sendern ProSieben, Sat.1, Kabel 1, DSF und N24 sowie Film- und Sportrechte mit Ausnahme der Formel 1 gehören, hält Kirch zusammen mit seinem Sohn Thomas rund 79 Prozent. Die bisherigen Minderheitsgesellschafter Murdoch und Mediaset, das Unternehmen von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi, wollen nun die Mehrheit an Kirch Media, wobei Murdoch das Sagen haben will. Berlusconi sieht sich, wie verlautete, durch seine politische Rolle "gehandicapt".

Die anderen Minderheitsgesellschafter - die Handelsgruppe Rewe, der saudische Prinz Al Waleed und die Finanzinvestoren Lehman Brothers und Capital Research - wollen sich mit der Rolle als stille Teilhaber begnügen. Bisher haben die Minderheitsgesellschafter zusammen einen Anteil von 21 Prozent.

Geld locker machen

Für die Neuordnung müssen alle Beteiligten Geld lockermachen. Kirch braucht dringend eine Kapitalspritze von 800 Millionen Euro. Bayerische Landesbank, HypoVereinsbank, DZ Bank und Commerzbank würden zwei Drittel der Kapitalerhöhung übernehmen. Dafür sollen sie insgesamt einen Anteil bis zu 30 Prozent bekommen.

Da Murdoch durch seine Mehrheitsposition bei Kirch nicht nur eine Kette von Privatsendern kontrollieren könnte, sondern durch den Filmrechtehandel auch die ARD und vor allem das ZDF in der Hand hätte, schlugen die beiden öffentlich-rechtlichen Sender am Dienstag Alarm. Es wäre für das Rundfunksystem eine Gefahr, wenn von Kirch "nur die deutsche Filiale eines geschäftlich und politisch rücksichtslosen Tycoons übrig bliebe", so ARD-Vizeintendant Peter Voß. Für Kirch, über dessen Poker sich die ARD- und ZDF-Chefs oft beklagt haben, wohl Balsam für die Seele. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 27. März 2002)

Von STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid
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