Terra incognita Wachkoma

26. März 2002, 19:29
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Jährlich 400 Österreicher betroffen - Bedarf an Betten ungedeckt

Wien - Die heimische Wachkoma-Gesellschaft ist ein Verein wie jeder andere. 2001 gegründet, hat sie heute 135 zahlende Mitglieder; am Montag war die erste Ordentliche Generalversammlung, dort gab's Berichte eines Vorsitzenden, einer Finanzreferentin, eines Rechnungsprüfers, letzter Tagesordnungspunkt war natürlich "Allfälliges". Im Anschluss sprach Heinrich Binder, Vorstand des Neurologischen Zentrums Baumgartner Höhe, über "Rehabilitation von Patienten im Wachkoma".

Viele Mitglieder sind Angehörige von Patienten, die nach einer Hirnschädigung infolge von Krankheit oder Unfall im Wachkoma (Coma vigile, apallisches Syndrom) liegen. Der Betroffene hält die Augen offen, nimmt jedoch nicht bewusst mit der Umgebung Kontakt auf, reagiert nur begrenzt auf Außenreize. Atmung und Kreislauf sind erhalten.

In Österreich erleiden 400 Menschen pro Jahr dieses Schicksal, 50 Prozent der Patienten sind jünger als 40 Jahre. Manche wachen nach Monaten, andere nach Jahren auf. Die Medizin steht vor einem Rätsel. "Wir können kaum beurteilen", sagt Binder, "was sich in den Köpfen abspielt." Aber man wisse nicht genau, wonach man suche. Daher setzt man nun auf europaweite Zusammenarbeit - in einem Netzwerk zum Austausch der spärlichen Erkenntnisse.

Selten Endstadium

Das Wachkoma kann Station auf dem Weg zur Erholung sein, aber - selten - auch Endstadium. Basis einer Besserung ist die Rehabilitation - hier setzt sich das Problem für die Angehörigen fort. Es gibt mehr Bedarf als Spezialbetten und zu wenige Therapeuten. Die Akutmedizin lässt Apalliker links liegen. Binder: "Wachkomapatienten werden als Unglück angesehen und aus dem Gesichtsfeld entfernt." Die lange Phase, in der sich wenig am Zustandsbild ändert, macht das Wachkoma uninteressant. "Der Arzt ist wie jeder Mensch prinzipiell ungeduldig", sagt Binder.

In der Neurologischen Abteilung des Geriatriezentrums am Wienerwald werden mit 28 Patienten die meisten Apalliker in Österreich betreut. Pflegerinnen und Pfleger waschen und rasieren hier die Patienten, putzen ihnen die Zähne und freuen sich, wenn der eine oder die andere ihnen mit den Augen folgt oder lacht. Die Wachkoma-Gesellschaft hilft und ist stolz darauf, dass sie schon mehr als 20.000 Euro an Spenden und Beiträgen etwa für Spezialrollstühle gesammelt hat. Am Ende ist sie doch kein Verein wie jeder andere. (fri, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.3.2002)

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