Europäisches Navigationssystem Galileo: Standortbestimmung

26. März 2002, 18:52
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Ein Kommentar von Helmut Spudich

Die Europäische Union lässt sich ihre Unabhängigkeit viel Geld kosten: 3,6 Milliarden Euro sind nötig, damit ab 2008 der exakte geografische Standort mithilfe des Navigationssystems Galileo bestimmt werden kann - eine Leistung, die derzeit umsonst über GPS-Satelliten in US-Besitz zu bekommen ist. Das klingt wie Größenwahn im eitlen Wettlauf der Mächtigen, ist aber trotzdem vernünftig.

Warum? Die einstmals exotische Technik erfreut sich zunehmender praktischer Nutzung, bei der Autonavigation ebenso wie bei elektronischen Mautsystemen oder mobilen Diensten der nächsten Handygeneration. Zwar beteuern die USA, dass sie dieses Kind der Militärtechnik für alle Zukunft selbstlos und frei von Hintergedanken zur Verfügung stellen wollen. Aber wie die eben über Nacht eingeführten Stahlzölle belegen, wird amerikanische Prinzipientreue schnell auf dem Altar kurzfristiger Wahlüberlegungen geopfert.

Darum lohnt es sich, dass die EU in wesentlichen Bereichen in ihre Selbstständigkeit investiert. Aber nicht nur der Wunsch nach Autonomie, sondern noch ein anderer Beweggrund hat zu diesem Entschluss geführt: Galileo ist die größte staatliche Investition in Infrastruktur, die von der EU bisher unternommen wurde. Das ist in Anbetracht der Ideologie freier Märkte und privater Wirtschaft keine Selbstverständlichkeit mehr. Und Europa fehlt, was die diese Ideologie gerne vorbetenden USA weiterhin mit Verve betreiben: eine Rüstungsindustrie, die bei Bedarf auf Touren gebracht werden kann. Reagan finanzierte damit den Boom der 80er-Jahre, George Bush machte damit den Karren nach dem 11. September wieder flott.

Galileo ist eine wichtige Standortbestimmung: für eine zukunftsorientierte Rolle des Staates als ziviler Großinvestor. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 27. 3. 2002)

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