Die wunderbaren Papiervermehrer

26. März 2002, 22:03
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Düstere Zukunftsaussichten für Berlins Theater

Foto: APA/dpa/Claudia Esch-Kenkel
'Doktor Caligari' im Deutschen Theater Berlin
Die Zukunftsaussichten für Berlins Theater sind düster: Während die rot-rote Stadtregierung mit Beträgen jongliert, die ihr gar nicht gehören, machen sich die Leiter von "Berliner Ensemble" und "Deutschem Theater" auf Schlimmes gefasst.

Ronald Pohl aus Berlin

Berlin ist die urbane Kennmarke eines neuen deutschen Selbstverständnisses. Die Kräne im Bauloch Mitte dienen als Vorschein einer schönen, neuen Welt. Hier, im märkischen Sand, will die Berliner Republik ihre Metropolis errichten, die mit urbanem Glanz den Platz unter den Riesenstädten wie London oder Paris sichern helfen soll.
Jenseits von Museums-Insel und Mitte-Kiez, wo ein Heer von IT-Dienstleistern allabendlich an den Pils-Zapfsäulen hängt, versinkt aber auch das reale Berlin im Grauschleier. Noch immer zerfällt die Großstadt in eine Vielzahl von Milieus, und die Bruchlinie verläuft längst nicht mehr in der Vertikalen zwischen Ost und West.

Wer nun abends aus den zentralen Verwaltungspalästen nach Hause fährt, erfährt die Zuwendungen durch die Großkommune nur noch in Form von Härteleistungen. Demnächst sollen 15 kommunale Schwimmbäder eines nach dem anderen geschlossen werden. Das Vergnügen im chlorierten Nass kostete schon bisher sechs Euro pro Stunde. Doch nun wird das Baden im kommunalen Nahbereich zur Privatangelegenheit. Denn Berlin, der Stolz einer ganzen, nach ihm benannten Republik, ist pleite.
SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit, sportiver Vater einer rot-roten Koalition, versicherte kürzlich mit einem breiten Grinsen, dass man den Bund zur Übernahme von Kulturzahlungen gewinnen wolle. Er, Wowereit, habe ermutigende Signale aus allen politischen Lagern empfangen.

Der Spaß, den Wowereit offenbar empfindet, steckt im Detail: Noch hat niemand Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) in die Pflicht genommen. Für den Ausbau der Museums-Insel erklärt sich die Stadt erst einmal vorsorglich unzuständig.

Man träumt von einer Zeit, in der das Wünschen ganz bestimmt helfen wird. Derweil werden 31 Millionen Euro anderweitig verplant. Befände man sich nicht in Berlin, wo es zwar kaum Industrie, dafür aber ein Theater mit einem Mercedes-Stern oben dran gibt (das Berliner Ensemble), man könnte sogar von Fahrlässigkeit sprechen. Noch sind es die Großtheater, die das Prestige besichern. Zugleich hängt über jedem Haus, insbesondere aber über der Komischen Oper, ein blank gewetztes Damoklesschwert.

Platz auf der Straße

Hermann Beil, der um ein Haar Josefstadt-Direktor geworden wäre, sitzt mit zerzaustem Grauhaar in der Kantine des Berliner Ensembles (BE). Er habe in drei Jahren, in denen er am Schiffbauerdamm arbeite, die politischen Leichen von vier verschiedenen Kultursenatoren an sich vorübertreiben sehen. Der aktuelle Mann heißt Thomas Flierl (PDS). Er verstrahlt den Charme eines Bibliothekars, der in seiner Freizeit SED-Parteitagsprotokolle nach römischen Kennziffern ordnet.

Beil sagt: "Was alles gesagt worden ist, geht auf keine Kuhhaut! Es würde mich nicht wundern, wenn ich morgen die Zeitung aufschlüge und läse: Die Theater werden alle linear gekürzt! Es heißt zwar im Moment, dass kein einziges Theater geschlossen wird - das stimmt aber schon wieder nicht, denn die Subventionsstreichungen für das Schlosspark- und das Hansatheater bedeuten beider Schließung im Sommer."

Dann steht auch Heribert Sasse, österreichischer Intendant im Schlosspark, auf der Straße. Die Einsparung schlägt für die Kommune mit 1,3 Millionen Euro zu Buche.

Im Falle Schlosspark hat Flierls Vorvorgänger, der CDU-Senator Christoph Stölzl, ein Papier in Auftrag gegeben. Beil nennt es "dubios". Gutachten sind in der noch jungen Hauptstadt eine liebe Tradition. Auf ein streng geheimes Papier hin, das dem Theaterprofessor Ivan Nagel aus der eleganten Feder geflossen war, wurde vor zehn Jahren das Schiller-Theater geschlossen. Die Auflösungskosten waren exorbitant. Das zerschlagene Porzellan ist bis jetzt nicht gekittet, und im Charlottenburger Traditionshaus gastieren heutigentags Trommelkünstler aus Korea.

Als nun Stölzls Ideenpapier vorlag, erzählt Beil weiter, "war schon die Grünen-Senatorin Goehler da. Die akzeptierte das Gutachten, ohne sich auszukennen. Nun wird Senator Flierl das durchführen - indem er einen Beschluss akzeptiert, den seine Mitbewerber vor ihm gefasst haben." Die Pointe: Die CDU sei plötzlich "gegen dieses Gutachten". Berliner Kulturpolitik ist eine Glücksspielsache. Auch die SPD träumte unlängst davon, entweder die Schaubühne oder das BE dicht zu machen. Die Grünen, Verhandlungspartner für eine Ampelkoalition, hätten das im Nachhinein ausgeplaudert.

Da haben es GmbHs wie das Berliner Ensemble noch vergleichsweise leicht: In Claus Peymanns Büro freut man sich über satte 87 Prozent Auslastung. Man erhält rund 10,3 Millionen Subvention und schöpft obendrein aus dem Lotto-Topf 2,7 Millionen Euro jährlich. "Es hat schon Versuche gegeben, uns den Lotto-Hahn abzudrehen", erinnert sich Beil. Wieder war eine frisch gebackene Kultursenatorin findig am Werk gewesen. "Doch da bedurfte es nur eines ganz einfachen Hinweises auf den Wortlaut von Peymanns Vertrag."

Szenenwechsel in die Schumannstraße, wo sich das Pflaster traditionell wellt, als drohe dem Bezirk Mitte gleich der Einsturz. Hier logiert das Deutsche Theater.

Dessen neuer Intendant Bernd Wilms verzeichnet Riesenerfolge: Michael Thalheimers furiose Aufführung von Emilia Galotti ist brechend voll; Robert Wilsons Adaption von Das Cabinet des Dr. Caligari schließt, einer Voraufführung nach zu urteilen, an vergangene Großleistungen des Texaners an: ein expressionistischer Wachtraum, aus Buntpapier mit blutiger Schere herausgeschnitten.

Wilms lächelt über die Kapriolen der Berliner Kulturpolitik mit der Allüre eines Weisen. "Wir haben mit 19,4 Millionen Euro einen guten Etat." Tariferhöhungen wird er aus Eigenem auffangen müssen. Für Abfindungszahlungen besitzt er ein Versprechen über rund eine Million Euro. Alle übrigen Verheißungen sind aus dem brodelnden Chaos haushaltsgeschöpft: "Bemühenszusagen".

Aber auch Berlin bemüht sich ja redlich, eine Metropole zu werden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 3. 2002)

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