Das Hochwasser als "Befreiungsversuch"

26. März 2002, 21:05
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Das Donauhochwasser sinkt, die Schäden werden sichtbar

Hainburg/Wien - Statt Felder Wasserflächen, statt Baumgruppen grüngraue Inseln im langsam versickernden Donausteppenteich: Vom Braunsberg aus, der sich schroff über Hainburg erhebt, ist die Hochwasserlage in den Auen an der österreichisch-slowakischen Grenze gut zu überblicken.

Eine Lage, die Ulrich Eichelmann vom World Wide Fund for Nature als "Chance", ja als "Befreiungsversuch" sieht. Dort, wo der Fluss begradigt und kanalisiert worden sei, habe der Druck der Wassermassen "die ursprünglichen Ufer wiedererobert", brüllt er gegen den heftigen Wind am Berg an.

Er zeigt in Richtung Norden, zum Arpadfelsen hin, wo bei normalem Wasserstand die March, wie es sich gehört, in die Donau einmündet. Jetzt dümpeln dort die Wiesen uferlos unter flachen Fluten. Ihr Rückzug, so Eichelmann, werde "Steilwände und Schotterbänke" zurücklassen. Ökologisch wertvolle Landschaft: "Früher hat an solchen Orten zum Beispiel der Eisvogel gebrütet."

Minus 400.000 Hektar

Dann jedoch habe man Bautrupps in die hochwassergefährdeten Gebiete geschickt. Mit dem Auftrag, Dämme zu errichten, um landwirtschaftliche Flächen und Siedlungen abzusichern. Auf diese Art seien den österreichischen Wasserläufen "seit den 60er-Jahren rund 400.000 Hektar Überschwemmungsflächen weggenommen worden".

Mit der Folge, dass die Hochwassergefahr örtlich gestiegen, die Zahl flussnah lebender Tier- und Pflanzenarten zurückgegangen sei. Eichelmann: "Was es nun braucht, ist eine Trendwende." Und zwar eine, die über Flussrückbau-Pilotprojekte hinausgehe, wie sie derzeit etwa in Niederösterreich an Donau und Pielach und in Kärnten an der Drau betrieben würden. "Im Einklang mit der bis zum Jahr 2015 umzusetzenden EU-Wasserrahmenrichtlinie sollen den heimischen Flüssen 84.000 Hektar Überschwemmungsräume zurüchgegeben werden", nennt der WWF-Experte eine WWF-Forderung.

Im Landwirtschaftsministerium weist man Eichelmanns Kritik zurück: Die diesjährigen Hochwasserschäden - deren Ausmaß laut Niederösterreichischer Landeskorrespondenz geringer als 1991 und 1997 sind - würden keineswegs auf falsche Verbauungen zurückgehen, meint Wasserbauexperte Wolfgang Stalzer. Schuld sei vielmehr "das Extremniederschlagsereignis" in Verbindung mit "hohen Temperaturen im Alpinbereich über 2000 Meter" gewesen.

Überdies, so Stalzer, sei man "von der Philosophie, Gewässerräume zum Schutz der Wirtschaftsräume zu verbauen, seit 15 Jahren abgekommen". Eine Entwicklung, die auch Eichelmann durchaus schätzt. Über notwendige zusätzliche Flussfreiräume jedoch, so betont er, werde in den kommenden Wochen entschieden, während der Aufräumungsarbeiten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 27.3.2002)

Von Irene Brickner

Hochwasser brächten auch "Chancen", meinten WWF-Experten bei einem Lokalaugenschein. Sie wollen dem Strom mehr Überschwemmungsfreiheit gewähren, zum Schutz vor künftigen Überflutungen.

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