Schweizer Initiative will Abtreibung entkriminalisieren

26. März 2002, 15:01
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Fristenregelung wird am 2. Juni zur Volksabstimmung gebracht

Bern - Für die Fristenregelung in der Schweiz hat sich am Dienstag in Bern ein ExpertInnen-Team stark gemacht. Sie plädieren für das Selbstbestimmungsrecht der Frau und die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Zudem setzen sie auf Prävention. Das über 70-köpfige Komitee "Expertinnen und Experten für die Fristenregelung" will nach eigenen Angaben die Diskussion über das Thema versachlichen.

Bislang Abtreibung strafbar

Obwohl der Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz grundsätzlich noch strafbar sei, habe sich in den letzten 20 Jahren eine liberale Praxis eingestellt, argumentiert das Komitee. Die Lücke zwischen Gesetzgebung und Anwendung gelte es nun zu schließen, indem der Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten zwölf Wochen legalisiert werde, hieß es.

Keine Beratungspflicht - volle Selbstbestimmung

Das Komitee stelle sich gegen eine Beratungspflicht, wie sie von der konservativen CVP verlangt wird. Es setze auf die volle Selbstbestimmung der Frau. "Nur sie ist in der Lage zu entscheiden, ob sie die Schwangerschaft austragen will und kann oder nicht", erklärte Judit Pok Lundquist, ärztliche Leiterin der Frauenpoliklinik des Unispitals Zürich. Dem stimmte der Psychiater und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGP), Tedy Hubschmid, zu. Eine freiwillige Beratung sei erst möglich, wenn der Frau die volle Entscheidungsbefugnis übertragen werde.

Eingriff kann gut verarbeitet werden

Bioethiker Alexandre Mauon von der Universität Genf erklärte, dass die Fristenregelung das Selbstbestimmungsrecht der ungewollt schwanger gewordenen Frau umso stärker wiege, je weniger das vorgeburtliche Leben ausgeprägt sei. Gleichzeitig gewährleiste sie aber auch den Schutz des vorgeburtlichen Lebens entsprechend seines Entwicklungsstadiums.

Psychiater Hubschmid verwies das von den AbtreibungsgegnerInnen häufig ins Feld geführte Argument des Post-Abortion-Syndroms (PAS) ins Reich der Legenden. Empirische Studien hätten gezeigt, das der respektvoll vorgenommene Eingriff von der großen Mehrheit der Frauen psychisch gut verarbeitet werde und nicht zur Traumatisierung führe.

Trotz der markanten Liberalisierungstendenzen in den letzten 20 Jahren habe die Zahl der Abbrüche in der Schweiz nicht zu, sondern abgenommen, hieß es. Das gelte im Prinzip auch bei Schwangerschaften von Jugendlichen.

Prävention und Aufklärung vorrangig

Hauptziel des Komitees bleibt nach eigenen Angaben die Prävention. Da Abtreibungen nur die "ultima ratio" seien, müssten unerwünschte Schwangerschaften in erster Linie verhindert werden. Das Komitee wünsche sich deshalb, dass der Sexualkundeunterricht in den Schulen obligatorisch wird.

Das letzte Wort zur vom Parlament beschlossenen Fristenregelung hat das Volk in einer Abstimmung am 2. Juni. (APA/sda)

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