Versteckter Rassismus in der US-Medizin: Nichtweiße werden schlechter behandelt

28. März 2002, 20:03
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Washington - In den USA erhalten Bürger mit nicht weißer Hautfarbe eine schlechtere medizinische Versorgung als Weiße, und das selbst dann, wenn sie gleich viel verdienen und gleich gut versichert sind. "Die Evidenz für die Ungleichheit ist überwältigend", urteilt Alan Nelson, Hauptautor einer breiten Studie des Institute of Medicine der US-Akademie der Wissenschaften, "und die Ungleichheit selbst ist unakzeptabel."

Rassismus hat in der Medizin Tradition - Hippokrates hielt Asiaten für schwachsinnig -, auch in den USA, wo Schwarze in einem berüchtigten Experiment nicht gegen Syphillis therapiert wurden. Aber auch die ganz normale Versorgung trägt dazu bei, dass die Lebenserwartung von Schwarzen 70,2 Jahre beträgt, die von Weißen 76,8.

Auch Klagen über Diskriminierung haben in den USA Tradition, aber in den meisten Fällen richteten sie sich gegen die schlechtere soziale Lage. In der jetzigen Studie hingegen ist diese gleich, und doch werden Schwarze, Asiaten, Latinos und Indianer etwa bei Herzkrankheiten, Krebs und HIV schlechter behandelt. "Im Gegensatz dazu erhalten sie öfter weniger wünschenswerte Behandlungen", berichtet die Studie, "beispielsweise Amputationen bei Diabetes."

Unbewusste Vorurteile

Hinter all dem sieht die Studie "unbewusste rassische Vorurteile", die gar nicht so leicht aufzulösen sind. So vermuten viele Ärzte, dass nicht weiße Patienten Therapien rascher abbrechen. Das hängt damit zusammen, dass die Nichtweißen eine weniger enge Bindung zu ihren Ärzten haben, weil in ihren Wohngebieten die Ärztedichte gering ist. Und dann müssen sich die meist weißen Ärzte und ihre Patienten erst einmal verstehen: Eine frühere Studie über ethnische Diskrimierung bei psychischen Krankheiten ergab, dass beide oft im Wortsinn nicht dieselbe Sprache sprechen und zudem der unterschiedliche kulturelle Hintergrund zu Fehldiagnosen führen kann - Weiße drücken psychische Leiden in anderen körperlichen Symptomen aus - in Magenbeschwerden etwa - als Asiaten, die eher mit Schwindelanfällen reagieren.

Zur Abhilfe fordert die Studie verbesserte Kommunikation, auch durch den Einsatz von Übersetzern. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.3.2002)

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