Die Gesetze der Netze

26. März 2002, 10:51
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Künstlerische Installation "Web of Life" macht Vernetzung erfahrbar - Der virtueller Handschlag wird sichtbar

Der Mensch ist ohne Netze, zum Beispiel die Beziehungen zu anderen Menschen, gar nicht denkbar. Netze sind die Grundlage des Lebens. Eine künstlerische Installation, die seit dem Wochenende im Frankfurt und Karlsruhe zu sehen und zu erleben ist, macht dieses faszinierende, aber auf den ersten Blick etwas trockene Themenfeld sinnlich erfahrbar.

Mobile Installationen

Mittelpunkt des Computernetzes "Web of Life" ist eine feste Installation am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM), die von vier mobilen Installationen begleitet wird, von denen eine in Frankfurt am Main steht. Als weitere Ausstellungsorte in dem noch bis Ende 2003 laufenden Projekt sind unter anderem Zagreb, Melbourne, Tokio und New York geplant. So soll die weltweite Vernetzung spürbar gemacht werden. Verbunden sind die Ausstellungen über Breitbandleitungen. Zwischen Frankfurt und Karlsruhe sorgt eine DSL-Verbindung für den Austausch der Daten.

Im halbdunklen Raum

"Web of Life - Die Kunst vernetzt zu leben" wirkt futuristisch. In einem halbdunklen Raum befindet sich ein Gerät, das von einem großen Bildschirm in der Mitte bestimmt wird. Auf der einen Seite gibt es einen hüfthohen Sockel, in dem eine Glasfläche mit den Umrissen einer Hand markiert ist, auf der anderen Seite den Projektor, der die Bilder auf den Bildschirm wirft. Über dem Ganzen schweben an Drähten sechs Lautsprecher, die für die akustische Begleitung der visuellen Darstellung sorgen.

Bilder und Klänge sind ständig in Bewegung. Immer neue Welten scheinen auf dem holographischen Bildschirm zu entstehen und ineinander zu verschwimmen. Das Muster erinnert an Zellen unter dem Mikroskop. Und diese Assoziation mit lebendem Gewebe soll auch sein, wie Michael Gleich erklärt, der das Projekt zusammen mit Jeffrey Shaw konzipiert und koordiniert hat. Denn bei aller Technik gehe es ihm um lebendige Netze. "Web of Life", das steht für ihn für "Gewebe des Lebens". "Denken sie bei Netz an eine Ameisenkolonie, an Nervennetze", sagt Gleich bei der Vorstellung des Projeks in Frankfurt.

Besucher sollen mitmachen

Die Installation lebt davon, dass die Menschen mitmachen, dass sie sich daran beteiligen, ein neues Netz zu knüpfen. Legt der Besucher die Hand auf die markierte Fläche, dann leuchtet sie auf, und auf einem kleinen Bildschirm darüber ist zu sehen, wie die deutlichsten Linien der Hand erfasst werden. Diese Linien, "Merkmale der Individualität", wie Gleich sagt, werden abstrakt dargestellt, digitalisiert und dann auf dem großen Bildschirm sichtbar gemacht. Dort verbinden sie sich mit anderen Linien, den von einem Computer bearbeiteten Handlinien anderer Menschen - es kommt zum "virtuellen Handschlag".

Mit jedem neuen Handschlag verändern sich auch die Bilder. Grundlage sind insgesamt 192 Videofilme, von denen jeweils vier gleichzeitig zu sehen beziehungsweise zu erahnen sind. Für die Auswahl sorgt wie auch bei den 192 Soundfiles der Computer.

Zwei Ausstellungen

Der Direktor des Museums für Kommunikation, Helmut Gold, räumt ein, jetzt gebe es zwei Ausstellungen mit ähnlichen Themen in seinem Haus. Denn die Ausstellungen "das netz - Sinn und Sinnlichkeit vernetzter Systeme" ist schon seit Ende Februar in Frankfurt zu sehen. Sie nähert sich, wenn auch mit anderen Mitteln, zum Beispiel spannenden Fotografien, dem gleichen Thema: Netzwerken des Lebens, Zivilisation, Wissensnetzen, soziale Netzen, Versorgung und Infrastruktur. Gold betont, beide Ausstellungen stünden nicht in Konkurrenz zu einander, sondern seien Kontrast und Ergänzung. Und so werden es wohl auch die meisten Besucher wahrnehmen.

Informationen über das Projekt, die daran beteiligten Künstler, Architekten, Sound- und Videospezialisten sowie Programmierer gibt es natürlich auch im Internet. Begleitend ist im Verlag Hoffmann und Campe auch ein Buch von Michael Gleich über "Web of Life" und den dahinter stehenden Überlegungen erschienen. Es ist lesenswert, auch wenn man die künstlerische Installation nicht gesehen hat. Gleich versucht hier, den Gesetzen der Netze auf die Spur zu kommen, ihre Vielfalt, ihre Regeln zu erfassen und zu beschreiben. Das Buch kostet 25 Euro.(Von Klaus Gürtler/AP/APA)

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