Aushängeschild Caritas: Das Gewicht der Kirche

25. März 2002, 20:50
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Soziales Gewissen und Hort für Hilfesuchende: 273 Mio. Euro im Einsatz

Was sagt die Kirche dazu? Sofern diese Frage bei einem gesellschaftspolitischen Thema in Österreich heute überhaupt noch gestellt wird, geschieht das kaum, weil man sich der Zustimmung der katholischen Kirche vergewissern müsste, denn als Machtfaktor hat sie stark abgebaut.

Das hängt mit der Demokratisierung der Gesellschaft und mit der innerkirchlichen Polarisierung zusammen. Die Delegiertenversammlung zum "Dialog für Österreich" im Herbst 1998 in Salzburg votierte mit 75 und mehr Prozent der Stimmen für bestimmte kirchliche Reformen und gesellschaftliche Forderungen, das heißt aber noch lange nicht, dass diese Positionen auch von offizieller kirchlicher Seite vertreten werden.

Denn die meisten Bischöfe hüten sich naturgemäß vor allem, was nach Konflikt mit dem Lehramt in Rom, aber auch nach parteipolitischer Bevorzugung aussehen könnte. So entsteht der Eindruck, dass sie lieber zum Thema Islam - das nicht unwichtig, aber etwas weiter weg ist - als zu konkreten sozialen Fragen im Land Stellung beziehen.

Dabei ist der Ruf der Kirche gerade auf diesem Gebiet noch hervorragend. Kaum ein Ereignis hat der Kirche in den letzten 15 Jahren mehr positives Echo gebracht als der Sozialhirtenbrief von 1990. Es sind heute meist nicht die Bischöfe, es sind diverse kirchliche Gruppierungen und Einrichtungen, die sich gesellschaftlich aus dem Fenster hängen, zuletzt etwa die Katholische Jugend mit ihrer Unterstützung des Sozialstaat-Volksbegehrens.

In vielen Gremien sitzen kirchliche Vertreter, Laien und Theologen, die sachkundig an Lösungen in aktuellen Fragen - ob Bioethik, Integration von Ausländern oder Randgruppenbetreuung mitarbeiten. Vor allem die Caritas erhebt hier nicht nur ihre Stimme - Caritas-Präsident Franz Küberl und der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau sind öfter in den Medien als die Mehrzahl der Bischöfe -, sie leistet auch praktisch ungeheuer viel: Im Jahr 2000 wendete sie 3,76 Milliarden Schilling (273 Millionen Euro) auf.

Natürlich hat die Kirche über die Vielzahl ihrer Institutionen - Vereine, Verbände, Spitäler, Schulen, Bildungshäuser, Medien, Wirtschaftsbetriebe, Sozialeinrichtungen, Stätten der Altenbetreuung, der Kinder- und Jugendarbeit, der Hilfe für Asylanten und Randgruppen - gesellschaftliche Wirkung.

Doch wer sie deshalb schon für eine gefährliche Machtballung hält, überschätzt sie vermutlich gewaltig. Der Umstand, dass die Definition ihrer Lehren und die Auswahl ihrer Spitzenfunktionäre von einer Zentralstelle besorgt werden, verdeckt, dass sie ansonsten ein ziemlich bunter Haufen ist, der sich - ein wunderschönes Beispiel ist die kirchliche Medienpolitik - kaum zu einheitlichem gesellschaftlichem Vorgehen vergattern lässt.

Die Schwierigkeit, mit einer einzigen Stimme sprechen und gemeinsam agieren zu können, ist Stärke und Schwäche zugleich: Sie ist Zeichen eines völlig legitimen, auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil zugestandenen Pluralismus und damit der Mündigkeit der einzelnen Person oder Gruppe in der Kirche, sie kann natürlich, falls die Meinungen zu weit differieren, auch das Bild einer gespaltenen, unsicheren Kirche vermitteln. Wenn in einzelnen Fragen - solche sind derzeit der Schutz des Sonntags und die Ablehnung der aktiven Sterbehilfe - die ganze Kirche an einem Strang zieht und entsprechend laut agiert, hat ihr Wort auch gesellschaftspolitisches Gewicht. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 25. 3. 2002)

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