Parkinson, der nicht nach Parkinson aussieht

25. März 2002, 20:13
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Fortschritt dank Innsbrucker Neurologen: Erstmals Unterschied zwischen Morbus Parkinson und Multisystematrophie sichtbar gemacht

Innsbruck - Die Diagnose Parkinson bedeutet heute keine verminderte Lebenserwartung mehr, zumindest nicht bei optimaler Therapie. Ein kleiner Teil der Patienten spricht aber kaum oder gar nicht auf die gängigen Medikamente an. "Dann kommt der behandelnde Arzt oft zu dem Schluss: Der Patient leidet gar nicht unter Morbus Parkinson, sondern unter Multisystematrophie", erklärt Gregor Wenning von der Innsbrucker Uniklinik für Neurologie.

Tausende Kranke

Die Multisystematrophie (MSA) ist nach Morbus Parkinson die zweithäufigste Ursache des Parkinsonsyndroms. Etwa 2500 Menschen sind davon in Österreich betroffen (bei der häufigsten Ursache zehnmal so viele). Nun kann man durch Erkenntnisse aus Innsbruck zwischen den beiden Ursachen auf der Ebene des Gehirns unterscheiden.

Am Beginn der Krankheit sind die Erscheinungen gleich: Zittern, Verlangsamung der Bewegung und Muskelsteifheit. Erst später kommen bei MSA andere so genannte atypische Symptome, am häufigsten Koordinationsstörungen, Inkontinenz, bei Männern oft Impotenz. Seltener: Stimmbandlähmungen, die zu lauten Schnarch- geräuschen in der Nacht führen, und ein stark geneigter Nacken, sodass das Kinn die Brust berührt.

"Wir konnten erstmals zeigen, dass schon im Frühstadium genau zwischen MSA und Morbus Parkinson unterschieden werden kann", berichtet Wenning. Dabei wird eine hochauflösende Magnetresonanztomografie eingesetzt, welche die MSA-typischen Veränderungen im Gehirn sichtbar macht. Genau wie bei Morbus Parkinson verringern sich bei MSA-Patienten die dopaminproduzierenden Zellen in jenem Teil des Hirnstamms, der eine wichtige Rolle bei der Bewegungskoordination spielt. Wenn der Botenstoff Dopamin fehlt, treten Parkinsonsymptome auf. Bei MSA kommt es zudem zum Verlust der Dopaminrezeptoren im Putamen, einer Region in der Tiefe des Gehirns. "Das erklärt, warum die Dopamin-Ersatz-Therapie bei Patienten mit Morbus Parkinson gut funktioniert, bei MSA-Patienten aber nicht anspricht", so Wenning.

Seit sieben Jahren setzen die Innsbrucker Neurologen einen MSA-Schwerpunkt. Unterstützt von Wissenschaftsministerium und FWF wird nicht nur der Krankheitsverlauf erfasst, sondern auch nach neuen Therapien gesucht. An Ratten wurden Substanzen getestet, die bei früher Diagnose den Verlauf bremsen könnten. Weiters im Test: Transplantation embryonaler Hirnzellen.

Dieser Ansatz befindet sich bereits im Stadium der Versuche am Menschen. Eine andere Entwicklung, eine vereinheitlichte Skala zum Erfassen des MSA-Schweregrads, wird bereits international verwendet - in der Europäischen MSA-Studiengruppe, die 20 Zentren in zwölf Ländern umfasst und von Werner Poewe von der Innsbrucker Neurologieklinik koordiniert wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 3. 2002)

Fortschritt in der Parkinsonforschung dank Innsbrucker Neurologen: Erstmals machen sie sichtbar, welche Patienten tatsächlich an Morbus Parkinson und welche an der ähnlichen Multisystematrophie (MSA) leiden. Bei MSA-Kranken nützen gängige Medikamente kaum.

Von STANDARD-Mitarbeiterin Kirsten Commenda
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