Das "Beauty-contest game" der "schönsten" Zahl

25. März 2002, 20:08
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Forscher eines neuen Zentrums für experimentelle Ökonomik möchten Grundlagen von Budgetfragen analysieren

Innsbruck - Beim "Beauty-contest game" trippeln weder Models über einen Laufsteg, noch werden Schlager geträllert. Gewählt wird in diesem Spiel die "schönste" Zahl.

Jeder Teilnehmer am Experiment hat sich dabei für eine Zahl zwischen 0 und 100 zu entscheiden. Sieger ist jener, der einer Zielzahl am nächsten kommt. Diese ist zwei Drittel des Durchschnitts aller abgegebenen Zahlen.

Das Szenario für dieses Experiment am Innsbrucker Institut für Finanzwissenschaften ist denkbar unspektakulär. 20 Studierende sitzen hinter ebenso vielen Computern, durch Trennwände voneinander abgeschirmt. Als Anreiz und zur Absicherung der Übertragbarkeit der Ergebnisse gibt es reales Geld zu gewinnen.

Finanzmärkte im Spiel

Die Wirtschaftswissenschafter Matthias Sutter und Martin Kocher beschäftigen sich seit zwei Jahren mit diesem Spiel, seit einigen Wochen im Rahmen eines "Zentrums für Experimentelle Ökonomik", der ersten derartigen Einrichtung in Österreich.

Ihr Ansatz: Vom Verhalten der Teilnehmer beim "Beauty-contest game" sind Rückschlüsse auf die Struktur von Finanzmärkten möglich. In beiden Fällen gehe es darum, das Verhalten der anderen Teilnehmer sowie Art und Tiefe von deren Überlegungen vorab einzuschätzen, erklärt Kocher.

Im Experiment ist die theoretisch höchste Zielzahl 66,67 - wenn sich alle Teilnehmer für die Zahl 100 entschieden haben. Kaum jemand wird daher eine Zahl wählen, die höher als 66,67 ist. Entscheiden sich alle für 66, beträgt die Siegerzahl nur noch 44.

Bei einer endlosen Verkettung der immer gleichen Schlussfolgerung würde man schließlich bei 0 landen, jener Zahl, die in der Ökonomik als Gleichgewicht bezeichnet wird. Im Experiment liegt der Durchschnitt aller Zahlen meist zwischen 30 und 40, die Zielzahl also zwischen 20 und 27.

Aber wie auf den Finanzmärkten können "Blasen" entstehen, wenn es genügend Akteure gibt, die glauben, dass es andere Akteure gibt, die den Kurs in eine bestimmte Richtung treiben.

Experimentelle Ökonomik hat zum Ziel, den nicht rationalen Anteil des menschlichen Verhaltens in ökonomisch relevanten Situationen zu erforschen, erläutert Sutter und nennt zwei Forschungsrichtungen anhand des beschriebenen Experiments: Wie verändert sich das Ergebnis unter Zeitdruck, und welche Unterschiede gibt es zwischen individuellen Entscheidungen und jenen von Gruppen.

Obwohl es erste Arbeiten zur Experimentellen Ökonomik bereits vor 50 Jahren gegeben hat, entwickelte sich eine internationale Forscherszene erst in den letzten Jahren. Im deutschsprachigen Raum sind die Zentren Zürich, Bonn und Jena.

38 Milliarden Euro

Als größten praktischen Erfolg des jungen Wissenschaftszweiges nennt Sutter die Versteigerung der UMTS-Lizenzen in Großbritannien. Dafür hatte der britische Schatzkanzler einem Team in Cambridge den Auftrag erteilt, ein für den Staatshaushalt optimales Versteigerungsszenario zu entwerfen - bekanntlich mit gigantischem Erfolg - in Zahlen: umgerechnet satte 38 Milliarden Euro. Auch in den Niederlanden spielten 200 Teilnehmer eines Experiments die Auswirkungen einer Steuerreform auf Nachfrage, Arbeitsmarkt, etc. durch.

Die beiden jungen Wissenschafter an der Universität Innsbruck wollen sich in den nächsten Jahren zunächst auf Grundlagenforschung konzentrieren, aber doch einen Schwerpunkt auf anwendbare Ergebnisse für Budget- und Währungspolitik legen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 3. 2002)

Von Hannes Schlosser
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