Geisterfahren II

26. März 2002, 19:21
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Ein TV-Tagebuch darüber, wie es um Deutschland bestellt ist - 26. März 2002

Berliner Hotelzimmer geben sehr beredt darüber Auskunft, wie es um Deutschland bestellt ist. Ihr Serviceangebot schließt zum Beispiel Hosenbügelmaschinen ein. Von weitem gewahrt man eine Art integriertes Bügelbrett nebst einer Knopfkonsole, die "Sojus 14" zur Ehre gereicht hätte. Auf dem Ding könnte man bequem Spiegeleier braten. Also nimmt man seufzend Abstand vom Plättvorgang.

Unsere Hosen sind uns heilig! Falten am Oberschenkel sind das sublime Erkennungsmerkmal eines jeden Kulturreisenden. Denn der muss sitzen bis zum Abwinken. Das TV-Angebot eines Berliner Hotelzimmers öffnet einen Riss: Die Republik hat Sorgen. Echte Sorgen. Auf dem Länderkanal MDR sieht man sächsische Erdarbeiter, die den Erdboden in Leipzig kunstvoll aufwühlen.

Sie rammen die Steher für ein "WM-Stadion" in Sachsens kotfarbenen Löss. Die Proletarier tragen Schnauzbärte, groß wie Dornbüsche. Die Pleitefirma Holtzmann setzt die Bedauernswerten auf jene Straße, auf der sie täglich malocht haben. Noch unter Honecker waren sie die Blüte der Menschheitsgeschichte! Unter den borstigen Bartwischen dringen unverständliche Laute hervor (Babylon, deine Mundart ist Sächsisch!).

Mit Rücksicht auf den Dornbusch: eine negative Theologie. Die Bauarbeiter sind ganz im Westen angekommen. Hier erleben sie ihre vollständige Entgeisterung. Der Fernsehblick streift wieder die Bügelmaschine. Vor dem Fenster graupelt es. Der Empfang ist auf null gestellt. (poh/DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26. März 2002)

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