Luxusproblem Korea

25. März 2002, 19:32
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Die "Achse des Bösen" bröckelt - ein Kommentar von Markus Bernath

Es bröckelt an der Achse des Bösen. Und zwar dort, wo sich US-Präsident Bush mit seiner Klassifizierung besonders wenig Freunde gemacht hat - im Fall Nordkoreas. Das letzte stalinistische Regime der Welt ist militärische Bedrohung, regionaler Machtfaktor und humanitäre Katastrophe in einem. Kein Wunder, dass es zu mehr politischen Strategien Anlass gibt als nur der einen, amerikanischen, der internationalen Ächtung. Mit dem Neustart der Friedensgespräche hat sich Südkoreas Präsident nun über die Eiszeit hinweggesetzt, die George W. Bush verordnete. Washington droht mit dem Ende des Abkommens "Atomstrom gegen Verzicht auf Raketen", Seoul arbeitet an der Wiederbelebung der "Sonnenscheinpolitik", der Entspannung mit dem Norden, die eine Begegnung der Staatschefs beider Länder und mehrere Familientreffen brachte.

Faktisch ist es eine Arbeitsteilung, tatsächlich ein Dissens. Schöne Verträge, so mag man argumentieren, brauchen harte Drohungen: Die Südkoreaner, Japaner und Europäer reden dem Regime des Kim Jong Il sanft zu, die USA halten gleichzeitig den Stock in der Hand. Doch in Wirklichkeit laufen die Ansichten der USA und ihrer Verbündeten über den Umgang mit den "Schurkenstaaten" schlicht auseinander. Ebenso wie im Fall Iran wollen auch die EU-Staaten den Kontakt zu Pjöngjang nicht abreißen lassen - Schweden hat seine diplomatische Vertretung in der nordkoreanischen Hauptstadt vergangene Woche erst zur Botschaft aufgewertet.

Nordkorea ist - ungeachtet des Drohpotenzials seiner Raketen - derzeit ein Luxusproblem der USA. Washington braucht anderswo mehr und schneller Erfolg: beim Feldzug gegen die Al-Qa'ida; angesichts der Instabilität in Afghanistan, die noch weit mehr US-Kräfte binden wird; schließlich bei der Regelung des Nahostkonflikts, die maßgeblich über die außenpolitischen Möglichkeiten der USA in den nächsten Jahren entscheidet. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 25. 3. 2002)

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