Statik, Slapstick und ein paar Witze zu viel

25. März 2002, 21:57
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Georg Friedrich Händels "Semele" an der Grazer Oper in einer Inszenierung von Robert Carsen

von STANDARD-Mitarbeiter Robert Spoula


Graz - Ist Georg Friedrich Händels weltliches Oratorium Semele (1743) doch eine Oper? Nicht zuletzt die historischen Umstände, unter denen das bereits über dreißig Jahre vor Händels Vertonung ersonnene Libretto als Operntext entstanden war, lassen eine szenische Produktion sinnvoll erscheinen. Doch dass die nun an der Grazer Oper gezeigte Inszenierung Robert Carsens geeignet ist, sämtliche Zweifel zu zerstreuen, ist nicht zu behaupten. Denn weder ist das Problem des statisch auftretenden und zudem vor allem im ersten Akt recht unpräzise singenden Chores gelöst, noch gelang es, einen dramaturgisch sinnvollen roten Faden zu spinnen.

Da werden pathetische Passagen, eher peinlich als lustig wirkende Slapstick-Momente und Versuche erotischer Darstellung kantig nebeneinander gesetzt. Wesentlich stimmiger fungiert dagegen das durch schlichte Eleganz beeindruckende Bühnenbild Patrick Kinmonths, das - wie etwa am Ende des zweiten Aktes, wo die narzisstisch nach Unsterblichkeit verlangende Semele und ihre Schwester Uno himmlisches Glück preisen - auch berührend poetische Momente zaubert.

Bezeichnend für diese Inszenierung ist auch die Tatsache, dass sich zwar viele Szenen im Doppelbett des Götterkönigs Jupiters abspielen, die dargestellte Erotik dabei aber kühl und keusch präsentiert wird; und das nicht nur, weil Semeles Geliebter seinen Liebesakt bei voller Bekleidung ausübt. Es ist das kühle, distanzierte Spiel des von Nicholas Kok zu wenig motivierten Orchesters, das den Protagonisten zwar eine präzise Basis schafft, sich aber sonst zu diskret im Hintergrund hält.

Dabei sind die stimmlichen Voraussetzungen gerade bei Semele (Ann Helen Moen) und Jupiter (Marlin Miller) bestens. Moens präzise Koloraturen lassen das unstete, gierig fordernde Wesen Semeles ebenso glaubhaft erscheinen, wie der schlanke und im Timbre sehr jugendliche Tenor Millers dem mächtigen Gott menschliche, im dritten Akt verzweifelte Züge abgewinnt.

Die restlichen Protagonisten bieten - abgesehen vom offensichtlich überforderten Countertenor Andrew Watts, der damit das Scheitern des unglücklichen Liebhabers Semeles, Athamas, immerhin glaubhaft macht - solide gesangliche, aber kaum darstellerisch befriedigende Leistungen. Es sind die vielen kleinen Witzchen, welche diese Vorstellung mehr und mehr überlagern, mit der Zeit fast ganz ersticken.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.03. 2002)

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