Die verspielte Aufklärung

11. Juni 2002, 21:12
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Fromm gedacht, aber leider umsonst: "Nathan der Weise" im Volkstheater

Ganz aktuell wollte das Volkstheater sein: Lessings "Nathan der Weise" als Antwort auf die Konflikte der Welt, den "Clash of Cultures". Aber in der Inszenierung tröpfelt nur die Milch der frommen Denkungsart.

von Richard Reichensperger


Wien - Viele Schulklassen werden ins Volkstheater (VT) geschleppt werden. Viele Lehrerinnen und Lehrer werden dem Ruf des Tante-Emmy-Ladens, wo Lessings Humanitätsbibel Nathan der Weise aus aktuellem Anlass (wie die Dramaturgie betont), nämlich angesichts der Weltkrise (Muslime, Christen, Juden!), auf den Spielplan gehievt wurde, folgen: Humanität, liebe Kinderlein, nicht Computerspiele! Nicht Sex, liebe Kinderlein, sondern die unter Wüstenhelmen oder Konfektionshüten versteckten Männlein und hinter Tüchern verhüllten Weiblein in den Kostümen, die Birgit Hutter für diese Aufführung beisteuerte!

Und nie wieder werden diese, am Ausgang aus ihrer fremdverschuldeten Unmündigkeit gehinderten, zum Theaterabend verdonnerten jungen Menschen ein Theater betreten wollen. Recht haben sie. Denn zu berichten ist von einer unglücklichen Theateridee (Dramaturgie: Oliver vom Hove), realisiert in einer langweilig-altbackenen Inszenierung (Hans Escher).

Da öffnet sich der Vorhang und zeigt nichts dahinter als ein Bühnenbild (Werner Schönolt), das für fast drei Stunden in einem hohen grauen Raum alle Konflikte lahm legt: Rote Karniesen markieren den (kolonialistischen) "Westen", ein Samowar rechts hinten wohl den Orient. In diesem Raum darf nun Nathan (Thomas Stolzeti) seine Nerven trotzdem nicht verlieren, denn er muss ja an die Versöhnung von Gegensätzen zwischen den Kulturen glauben.

Das ist übrigens der zentrale Irrtum von Dramaturgie und Inszenierung: Dass es in Lessings Stück um den Ausgleich des "Clash of Cultures" im Sinne Samuel Huntingtons ginge (die "universalen Werte der Zivilisation" müssten ausgebreitet werden: was nach dem 11. September vielfach und fundiert als oberflächlich-imperialistisch kritisiert wurde). Ausgleich?

Oh nein - Lessing schrieb seinen Nathan 1779 als die poetische Fortsetzung einer Polemik, die er über Jahre hin mit dem sturen, machtbesessenen, rigid die "Offenbarung" verteidigenden Pastor Goetze geführt hatte - keine Spur von "Ausgleich": Es ging um öffentliche Aufklärung gegen privatistische Offenbarung.


Verlorene Schärfe

Lessing focht diesen Kampf gegen den "Herrn Hauptpastor" einsam, mutig und äußerst witzig: In seinem Nathan klingt diese Schärfe noch nach in der Gestalt des Patriarchen, der von seinem Hauptprinzip ("der Jud muss sterben!") nie abzubringen ist (im VT gibt ihn Heinz Petters routiniert als österreichischen Bischof).

So viel kämpferische Energie liegt jedenfalls im Nathan. Und weg ist sie. Doch wohin, und warum? Einige Schauspieler sind doch halbwegs passabel: Fritz Karl als rabaukenhafter Tempelherr; als Nathans Tochter Recha Chris Pichler, die nur gegen Ende den Zerfall der Inszenierung auch nicht mehr aufhalten kann. Vielleicht ließen sich auch einige Momente in Viktoria Schuberts kupplerischer Christin Daja noch loben, oder Günter Franzmeiers Sultan. Und: Thomas Stolzeti in der Hauptrolle bringt die Hauptarie des Abends, nämlich die Ringparabel, mit Gestik modern gliedernd gut. Und erhält großen Schlussapplaus. Und doch: Warum klappt es nicht?

Weil die Regie Hans Eschers sich nicht zwischen staubigem Historismus und Aktualisierung entscheiden kann: Einerseits werden hier ganz konventionell "Gefühle" inszeniert, und zwar altmodisch (Liebe = Schmachten), gleichzeitig soll ein Derwisch (Hannes Gastinger) aber doch im Outfit eines Geldschiebers auftreten . . . Vor allem aber: Alles ist hier so völlig ohne Kanten, ohne Profil, ohne Aggression. Ein Schwamm, aus dem die Milch der frommen Denkungsart tröpfelt. Deshalb abschließend ein Briefentwurf für eine Elternversammlung:

Liebe Eltern! Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder einmal etwas mit Berufsaussichten studieren, also Naturwissenschaft und nicht Sprachen, Literatur- oder Theaterwissenschaft, so schenken Sie Ihren Zöglingen zu Ostern doch eine Karte für Nathan der Weise im Volkstheater. Dankbar werden sie zum Chemiebaukasten zurückkehren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.03. 2002)

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