Durch die Blume

27. März 2002, 14:22
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Blumenstöcke vor dem Bezirksamt - sowas stört keine Sau. Oder? Aber Mariahilf ist anders - die FPÖ stellte eine Anfrage..

Mit Humor, sagt Kaufmann. Anders, so Kaufmann, könne man das nicht packen. Wieso sie das überhaupt packen wolle, hätte ich da fast nachgefragt. Das Affentheater, die Wadelbeisserei, den Suppentellerhorizont – also diese selbstverliebte Ansammlung absurder bis abstoßender Schulterklopfereien, Gemeinheiten und Mauscheleien, die von ihren Akteuren tatsächlich für Politik gehalten wird. Im Dienste der Bürger. Aber ich lasse es lieber. Schließlich ist Kaufmann Bezirksvorsteherin. Meine Bezirksvorsteherin. Auch wenn das nichts zur Sache tut. Auf alle Fälle sitzt Kaufmann in einem der 23 Wiener Zentren für Kleingeist und Irrsinn. Freiwillig. Da fragt man nicht nach. Sogar dann, wenn eine Bezirksvorsteherin selbst davon redet, das sei unpackbar. Unpackbar blöd nämlich – und genau deshalb bezeichnend.

Es ging um Blumen. Zwei Stöcke. Oder Töpfe. Die standen am 14. Februar, dem Valentinstag, plötzlich vor dem Amt. Einer links und einer rechts vom Eingang: Eine Geste des Stadtgartenamtes. Vor jedem Bezirksamt hatte man zwei derartige Stauden abgeladen. Mit besten Grüßen.

Mariahilf ist anders

Sowas stört keine Sau. Oder? Aber Mariahilf ist anders. Nicht nur weil es der Bezirk mit dem geringsten botanischen Grünanteil ist. Wenige Tage nach dem Valentinstag tagte das Bezirksparlament. Wichtige Dinge wurden besprochen. So wichtig wie sich Bezirksmandatare nehmen, muss es um den Hunger in der Welt gehen. Mindestens. Außerdem gab es eine Anfrage der FPÖ: Ob das Aufstellen der Blumentöpfe vor dem Amtshaus genehmigt sei.

Sie grinsen? Kaufmann tat das auch. Zuerst. Aber blöderweise unterscheidet weder Stadtverfassung noch FPÖ bei Formalakten zwischen Unfug und Anliegen: Eine Anfrage ist eine Anfrage ist eine Anfrage – und so dauerte es exakt drei Telefonate und zweimal sich-an-den-Kopf-greifen, bis die Frage nach der Genehmigung geklärt war: Das Stadtgartenamt hatte natürlich nicht gefragt – wozu auch? Außerdem: Die Stauden kamen wieder weg. Einen verordnungswidrigen Zustand nicht abzustellen, wäre grobe Vorsteherinnenpflichtverletzung.

Entsorgt, betont Kaufmann, wurde natürlich juristisch wasserdicht: Die Stauden in ihr Büro stellen? Einem Mitarbeiter schenken? Ins Altersheim schicken? Diebstahl. Zumindest Veruntreuung. Einfach wegschmeißen? Baumfrevel, Verschwendung, wasauchimmer. Also, seufzt Kaufmann, der Amtsweg: Anruf beim Stadtgartenamt, Vereinbarung eines Termines und Abholung der Blumentöpfe. Ja, seufzt Kaufmann, mitunter habe sie auch sinnvolles zu tun. Etwa das Überprüfen von Schanigärten.

Das, so Kaufmann („obwohl ich nicht sicher weiß, ob das wörtlich so um Bezirksratsprotokoll steht“), sei nämlich als Grund für die Anfrage angegeben worden: Sie habe letzten Sommer einem FP-nahen Cafetier vis a vis vom Eurocenter seine eigenmächtige Schanigartenvergrößerung abgedreht. Der Mann habe seine Gastgartenfläche über Nacht verdoppelt und auch noch Markiesen fix im Boden verankert.

Mit dem Ruf „gleiches Recht für alle“, habe der FP-Klub im Bezirk dann nach der Rechtsgrundlage der beiden Blumentöpfe gefragt. Kaufmann seufzt. Ob ich mit ihr vielleicht auch mal über sinnvolle Arbeit im Bezirk reden würde?

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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