Prof. Friedrich Wiebel über die Tricks der Tabakindustrie

30. März 2002, 22:39
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Bis zu 600 chemische Zusatzstoffe im Tabak sollen Zigaretten für Raucher bekömmlicher machen. Umweltmediziner warnen, dass dadurch die Sucht der Raucher noch gefördert wird. Im mymed.cc-Interview: Toxikologe Prof. Friedrich Wiebel vom GSF - Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg/München.

Das Interview führte Peter Seipel

mymed: Herr Professor Wiebel, welche Zusatzstoffe sind es, die der ahnungslose Zigarettenraucher mit dem Tabakrauch inhaliert?

Wiebel: Die Liste der erlaubten Zusatzstoffe umfasst derzeit etwa 600 verschiedene Substanzen. Einige von ihnen sollen den Geschmack beeinflussen, denn Nikotin alleine schmeckt ja ziemlich scheußlich. Andere sorgen dafür, dass der Tabak konserviert wird und feucht bleibt, dass die Zigaretten nicht vorzeitig ausgehen, dass der Rauch nicht so stark sichtbar ist und dass das Nikotin auch besser von der Lunge aufgenommen wird. Eine Zigarette ist ein hochtechnologisches Produkt. Die Tabake werden vielfach chemisch behandelt, und der Anteil der Zusatzstoffe macht in einer Zigarette immerhin bis zu 10 Prozent aus.

mymed: Werden Zusatzstoffe verwendet, die suchtverstärkend wirken können?

Wiebel: Forscher des Philip Morris-Konzerns haben herausgefunden, dass eine Beigabe von Ammoniumsalz den an sich sauren Tabakrauch basischer macht. Dadurch wird mehr Nikotin aus dem Tabak freigesetzt, das zudem leichter von der Lunge aufgenommen wird. Die Nikotin- und Teerwerte der Zigaretten konnten daraufhin deutlich gesenkt werden. Philip Morris hat mit dieser Maßnahme enorme Umsatzsteigerungen erzielt, und die Konkurrenz ist bald nachgezogen.

mymed: Welche anderen Zusatzstoffe sind in Zigaretten enthalten?

Wiebel: In Tabakprodukten ist ein ganzer Zoo chemischer Verbindungen zu finden. Ein großen Teil machen Feuchthaltemittel wie Glycerol und Propylenglycol aus. Dann gibt es Klebe- Haft- und Verdickungsmittel wie Schellack, Gelatine und Carboxymethylzellulose. Als sogenannte Weißbrand- und Flottbrandmittel werden Metallverbindungen wie Magnesiumoxid eingesetzt. Hinzu kommen noch Konservierungsstoffe und Bindemittel, sowie verschiedene Aromen aus Fruchtsaftextrakten, Gewürzen, Tee, Kakao, Karamell oder Honig. Wenn diese zuckerhältigen Stoffe in der heißen Glut verbrennen, entsteht Acetaldehyd, das dafür bekannt ist, die Wirkung des Nikotins und damit den süchtigmachenden Aspekt des Tabaks zu verstärken.

mymed: Welche dieser Verbindungen machen Ihnen als Umweltmediziner die meisten Sorgen?

Wiebel: Es sind weniger die Ausgangsstoffe als die Verbrennungsprodukte, die für die Gesundheit der Raucher und Passivraucher kritisch sind. Das Problem ist, dass all die Zusatzstoffe, die als unbedenklich gelten, niemals in verbrannter Form auf ihre Wirkung getestet worden sind.

mymed: Einige Zigarettenmarken werben mit den Prädikaten "naturbelassen" und "frei von Zusatzstoffen". Sind diese Zigaretten gesünder?

Wiebel: Das ist eine infame Täuschung, wenn hier dem Konsumenten vermittelt wird, dass diese Zigaretten weniger schädlich sind. Faktum ist, dass 95 bis 98 Prozent der gesundheitsschädlichen Wirkung von den Verbrennungsprodukten des Tabaks ausgehen.

mymed: Gibt es Möglichkeiten, weniger gesundheitsschädliche Zigaretten herzustellen?

Wiebel: Es sind bereits Filter entwickelt und patentiert worden, die einen Großteil der krebs- und entzündungsauslösenden Stoffe im Rauch zurückhalten können. Die Industrie hat diese Filter aber noch nicht in Verwendung, weil eine Umstellung der Produktion natürlich teuer ist, und weil ihre süchtige Klientel ihr sowieso jeden Mist abkauft. Die Zigarette, so wie sie heute im Handel ist, ist ganz klar ein defektes Produkt. Wie ein Auto, bei dem die Bremsen regelmäßig versagen oder der Tank explodieren kann.

mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



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